KURZstummfilmfestival 2018

KURZstummfilmfestival vom 27.04. bis 28.04.2018

Es gibt wieder ein KURZstummfilmfestival 🙂 Diesmal dreht es sich um das Thema „Raum“.

Wer von Euch möchte hier mitmachen?

Hier weiteres:

Schick den Film zum Thema: RAUM bis zum 28. Februar 2018

Bitte leite diese E-Mail an Personen weiter und drehe einen Film.

Am 27. und 28. April 2018 findet das III. KURZstummfilmfestival in der Zeche Carl statt und das KURZstummfilmfestival-Team ruft erneut auf, Filme zu drehen.

KURZstummfilmfestival

Das Besondere: Ohne Sprache (Keine Laut- oder Gebärdensprache), keine Schrift (z.B. Unter- oder Zwischentitel), mit einer Länge von 1 – 11 Minuten inklusive Vor- und Abspann, zum Thema RAUM.

Eine Jury aus tauben und hörenden Mitglieder/innen wählt in zwei Kategorien:

– „Bester Film“ – (dotiert mit 500 Euro)

– „Bester Raum“ – (hier gibt es einen Baumarkt Gutschein zu gewinnen)

An beiden Veranstaltungstagen wird es außerdem einen Publikumspreis gegeben.

Der Einsendeschluss ist der 28. Februar 2018.

Das KURZstummfilmfestival Team, Simone Bury und Richard Poser, freut sich sehr auf Eure Teilnahme!

 

Alle Infos auf: www.kurz-stumm-filmfestival.de

oder Fragen an: info@kurz-stumm-filmfestival. de

KURZstummfilmfestival 2018

Fotoquelle: www.kurz-stumm-filmfestival.de

Allen, die daran teilnehmen, wünsche ich viel Erfolg beim Mitmachen! Lasst Euch was Originelles zum Thema „Raum“ einfallen und filmt das und schickt das an das Team – nicht vergessen! Toi, toi, toi!

Ich bin sehr gespannt, was hier an Kreativität zusammenkommt! Ich finde das immer wieder so spannend mit den neuen Ideen zum Filmthema für einen KURZstummfilm! Stummfilme sind ja doch immer wieder toll!

Wer von Euch wird dabei sein? Bitte lasst es mich wissen, denn ich unterstütze die Kultur und Kunst immer gerne! Gerade hier kann man die Menschen am ehesten erreichen und ansprechen!

Eure Gehörlosbloggerin

Judith Harter

Schwerhörige neidisch auf ihre Cousine Hedwig

Schwerhörige neidisch auf ihre Cousine Hedwig

 

Was die Hörgeschädigten alles durchmachen müssen, wenn ihnen bestimmte Informationen fehlen.

Hier kommen aufgrund fehlender Informationen ebenso falsche / missverstandene Emotionen hoch. Anhand folgender Geschichte einer Schwerhörigen mit ihrer Cousine Hedwig könnt Ihr Euch das wohl bildlich vorstellen.

Zur Geschichte der Schwerhörigen mit ihrer Cousine Hedwig

 

Die Schwerhörige, nennen wir sie mal „Johanna“, ging in ihrer Kindheit mit ihrer großen Familie jeden Sonntag in die Kirche. Ihre Cousine Hedwig (so heißt sie wirklich) war ebenso immer dabei.

Immer wenn der Pfarrer predigte, schielte sie neidisch rüber zu ihrer Cousine Hedwig. Sie verstand nicht, wieso Hedwig von dem Pfarrer im Gottesdienst immer genannt wurde, sie jedoch nicht. Jeden Sonntag im Gottesdienst wartete sie auf die Nennung ihres Namens, aber nichts kam. Sie wurde schlichtweg übergangen.

Schwerhörige neidisch auf ihre Cousine Hedwig Schwerhörige neidisch auf ihre Cousine Hedwig (Quelle: Fotolia.de)

Johanna grummelte also jeden Sonntag vor sich hin im Gottesdienst, mit Neid auf ihre Cousine Hedwig.

Zum Glück begriff sie irgendwann, dass da etwas nicht stimmen konnte, wenn ihre Cousine Hedwig jedes Mal genannt wurde, sie jedoch nicht.  Sie fragte ihre Eltern, was der Pfarrer genau gesagt hat. Sie verstand nicht alles mit ihren Hörgeräten.

So erklärte Johannas Mutter ihr den Wortlaut des Pfarrers. Erst da verstand sie richtig, dass der Pfarrer nicht „Hedwig“, sondern „Ewigkeit“ sagte. Sie bekam damals mit ihren Hörgeräten die letzte Silbe „keit“ nicht mit, so dass sie immerzu „Hedwig“ verstand. Oh menno, da war sie ja jeden Sonntag absolut grundlos neidisch auf ihre Cousine Hedwig, nur weil das Wort „ewig“ so ähnlich klang.

Für sie war ihre Cousine Hedwig die wichtigste Person für den Pfarrer damals, bis sich das Missverständnis aufklärte.

Heute schmunzelt sie darüber, das ist an sich eine amüsante Geschichte 😀

Aber dass sie aufgrund dieses winzigen Missverständnisses eine unnötige Emotion mit sich rumtragen musste im Gottesdienst, ist schon ein Ding! Das ist ein Kommunikationsnachteil der Hörgeschädigten.

Die Taubheit oder Schwerhörigkeit an sich, so nach dem Motto „Ich höre nicht, na und“, zeigt nicht das wahre Ausmaß, dass man als Hörgeschädigte noch zusätzlich in der Kommunikation eingeschränkt wird im Kreise der hörenden Mitmenschen.

Habt Ihr ähnliches erlebt?

 

Eure Gehörlosbloggerin

Uralte Gebärdensprache und doch immer aktuell

Uralte Gebärdensprache und doch immer aktuell

 

Schon in meinen jungen Jahren stellte ich voller Faszination fest, wie uralt die Gebärdensprache ist und doch immer auf dem aktuellen Stand ist.

Es könnte sogar sein, dass die Gebärdensprache die einzige Sprache ist, die über soviele Generationen weitergetragen wurde und wird.

In meiner Kindheit dachte ich, meine Schwester und ich wären die einzigen, die nicht hören, aber im Laufe der Jahre besser hören würden. Ich kannte bis zu meinem 4. Lebensjahr keine Gehörlose und Schwerhörige bis auf meine Schwester. Ich erfand zusammen mit meiner Schwester unsere eigene „Hausgebärden“. Aus dieser Erfahrung heraus und aus dem heutigen Rückblick meine ich zu erkennen, dass die Gebärdensprache die „Ursprache“ bildet, die die kommunikativen Grenzen überwindet.

Kürzlich bin ich auf ein für mich hochinteressantes Video gestoßen, in dem die Indianer aus verschiedenen Stämmen sich zusammenfinden und sich nur mittels Gebärdensprache gegenseitig vorstellen und miteinander reden. Die Prärie-Indianer, ich beschreibe sie korrekterweise als amerikanische Ureinwohner, hatten viele hunderte Sprachen. Mittels der Zeichensprache konnten sie sich über die sprachlichen Grenzen hinwegsetzen, mit den Gebärden unterhielten sie sich, machten Verträge, betrieben Handel usw. Siehe auch: Verständigung der Indianer mit Gebärdensprache sowie Wikipedia – Indianer-Gebärdensprache (auf englisch)

Jetzt zum Video, in dem sich die Indianerhäuptlinge mit dem General Scott zum Konzil zusammentreffen und in der Gebärdensprache kommunizieren:

Es ist hochspannend zu sehen, wie die Häuptlinge in der Gebärdensprache miteinander reden.

Da ich eine Leseratte bin, bin ich in vielen Büchern auf etliche hochinteressante Informationen rund um die Gebärdensprache sowie Gehörlosen gestoßen:

Kennt Ihr den historischen Roman „Der Schamane“ von Noah Gordon?  Wenn nicht, dann nachholen 🙂 In diesem Roman beschreibt der Autor den Arzt, wie dieser seinem gehörlosen Sohn die Hände an den Stuhl gebunden hat, damit er nicht gebärdet, sondern laut sprechen lernt. Der Arzt kommt dahinter, dass sein Sohn mit einer Indianerfrau im sehr guten Kontakt ist und diese ihm die Gebärdensprache beibringt. Dann beschreibt der Autor ebenso, wie die Juden auf der Seidenstraße bei ihrem Handel hauptsächlich in der Zeichensprache kommunizierten, um die Preise zu diktieren. Das ist sehr spannend dargebracht! Dieses Buch habe ich mehrmals gelesen, habe es aufgesaugt wie ein Schwamm.

Dass noch heute im Handel die Gebärdensprache genutzt wird, konnte ich bei meinen Beobachtungen in meinem Alltag feststellen. Ich sah öfter Türken miteinander gebärden, wenn sie ihre Autos verkauften. Sie benutzten beim Verhandeln die Gebärdensprache. Sobald das Verhandeln beendet und der Vertrag abgeschlossen war, sprachen sie wieder „normal“ miteinander, ich meine damit die Lautsprache.

Überall auf der ganzen Welt stößt man immer wieder auf die Gebärdensprache in den Völkern.

Sogar hier in Deutschland gab es in Köln ein Kloster, in dem die Mönche während eines Rituales ein absolutes Sprechverbot für eine längere Zeit hatten. Diese haben aufgrund des Sprechverbotes eine eigene Gebärdensprache entwickelt und sich darin unterhalten. Diese Gebärdensprache wurde an Gehörlose weitergegeben. Leider habe ich hier keine Quelle mehr vorzuweisen, da ich die Unterlagen dazu bei einem Wohnungsumzug verloren habe. Diese Quelle wurde aber auch in einem historischen Roman mit eingebaut:  „Der dunkle Spiegel“ von Andrea Schacht

Viel Spaß beim Schauen des Videos – und die zwei Bücher, die ich hier erwähnt habe, sind es wert, gelesen zu werden, auch wenn sie schon ältere Ausgaben sind.

Eure Gehörlosbloggerin

 

Achtung – Nachtrag zu diesem Blogpost: Gebärden in den Klöstern

Taube Nuss von Alexander Görsdorf – Buchempfehlung

Taube Nuss – Buchbesprechung

 

Vor mir liegt das Buch „Taube Nuss – Nichtgehörtes aus dem Leben eines Schwerhörigen“ vom schwerhörigen Autor Aleander Görsdorf. Mir fiel das Blog Not quite like Beethoven von Alexander Görsdorf schon im Jahr 2009 auf und seitdem besuche ich immer mal wieder sein Blog.

Taube Nuss von Alexander Görsdorf

Sein Buch begeisterte mich mit einer persönlichen Widmung für mich: „Von bloggender Taube Nuss zu bloggender tauber Nuss“.

Darüber muss ich sehr schmunzeln. Mit dem Begriff „Tauber Nuss“ hat er ins Schwarze getroffen, denn gerade wir Hörgeschädigte können uns selbst auf die Schippe nehmen, wenn es um einen solchen Spruch geht. Ein Hörender würde es wohl eher als beleidigend empfinden.

Meine Buchbesprechung unterscheidet sich durchaus von denen der Hörenden. Das liegt daran, weil ich eine Schicksalsgenossin von ihm bin.

Als ich das Buch „Taube Nuss“ mit voller Spannung erwartete, ahnte ich noch nicht, dass ich es noch am gleichen Abend komplett verschlang und etwas traurig war, als das Buch sein Ende hatte.

Das Buch rief in mir verschiedene Stimmungen hervor, lächeln, zustimmen, auflachen. Einige Male blieb das Lachen sogar in meinem Hals stecken, als ich die hilflose, einsame und deprimierte Stimmung zwischen den Zeilen herauslas, weil ich sie aus eigener Erfahrung viel zu gut kenne. Die Hörgeschädigte nachempfinden können und von der die Hörenden etwas erahnen können, aber oft nicht richtig nachvollziehen können.

Es ist dem Alexander in seinem Buch sehr gut gelungen, als ein Mensch mit schwindendem Gehör seinen abstrakten Alltag zu beschreiben, typisch für Hörgeschädigte. Das fängt schon gleich beim Aufwachen an, und zwar mit einem speziellen Wecker (den gleichen habe ich 😉 ). Dann die kommunikativen Barrieren, mit denen ein Hörgeschädigter tagsüber zu kämpfen hat, in so gut wie in allen Bereichen, vom Aufwachen über Sex bis hin zu verschiedenen Strategien für die Kommunikation. In so gut wie jeder von ihm beschriebener Szene erkenne ich mich. Die gleichen Schwierigkeiten, mehr oder weniger, die auch mir begegnen. Und anschließend seine Erfahrungen mit dem Cochlea Implantat und wie es damit wieder aufwärts ging.

Wie froh war ich, als er schrieb, dass er bei seiner Arbeit von seinem Chef so beschrieben wurde, dass er sich wie ein Chef verhalten würde. Weil er  sozusagen den Faden der Kommunikation in seine Hände holte und behalten wollte. Um die Kommunikation selbst steuern zu können, damit er alles, aber auch alles verstehen und mitbekommen kann. Auch mir passierte es, dass ein Kollege sich darüber beschwerte, ich würde mich ihm gegenüber wie eine Chefin verhalten, obwohl ich nicht das Sagen hätte, sondern sein Chef. Ich fühlte mich in dieser Sache ebenso nicht verstanden von  meinen Kollegen. Es ist wirklich eine Barriere in der Kommunikation, die keiner der Hörenden sieht und wahrnimmt.

Ich verrate die genauen Details aus dem Buch „Taube Nuss“ nicht 🙂 Es ist ein wunderschönes Buch, das gelesen werden möchte, von allen Menschen, ob hörend oder hörgeschädigt oder wer auch immer:

„Taube Nuss“ ist sehr unterhaltsam und zugleich spielerisch aufklärend. Es macht für Hörende richtig Spaß, auf diese Weise herauszufinden, warum wir Hörgeschädigte so ticken. Und mir als gehörlose CI-Trägerin gefällt es, weil er die Szenen mit der Komminaktionsproblematik so gut beschreibt und das Geheimnis der Hörgeschädigten preisgibt (siehe „Hörgeschädigte und ihr Geheimnis“).

Eine herrlich erfrischende Abwechslung zur Fachliteratur über hörbehinderte Menschen:

Taube Nuss – Nichtgehörtes aus dem Leben eines Schwerhörigen
Alexander Görsdorf
Verlag: rowohlt polaris
ISBN: 978 3 499 61600 6

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Die Wahrheit über Mona Lisa

Englischer Originaltext: Gael Hannan http://hearinghealthmatters.org/betterhearingconsumer/2012/the-truth-about-mona/ –

Deutsche Übersetzung: Birgit Meyer

 

Die Wahrheit über Mona Lisa

 

Das Lächeln, eigentlich nur ein leichtes Kräuseln der Lippen. Und die Augen? Lächeln sie auch oder beobachten sie jemanden. Aber wen? Und warum?

Die Wahrheit über Mona Lisa (Bildquelle: Wikipedia)

 

Seit Hunderten von Jahren bewundern Kunstliebhaber, Könige und einfache Leute Mona Lisas Schönheit und grübeln über den Ursprung ihres rätselhaften Lächelns. Aber ich, völlig unbeeindruckt von ihrer romantischen Wirkung, WEISS Bescheid.

Mona Lisa war schwerhörig.

Ich weiß das, weil sie diesen ganz besonderen Ausdruck hat. Diejenigen von uns, die wissen, was Hörschädigung bedeutet, erkennen in Mona Lisas Gesichtsausdruck den Ausdruck einer Person, die entweder völlig abgeschaltet hat oder nur so tut, als folge sie der Unterhaltung.

Denkt mal drüber nach. Leonardo da Vinci stand ja hinter der Staffelei, während er malte. Hingerissen von der Schönheit seines Models, schwafelte er pausenlos über ihre rätselhafte Schönheit (cara mia, bella bella) und Mona Lisa hatte nicht den blassesten Schimmer, wovon er redete – denn sie konnte ja nicht von seinen Lippen absehen.

Und weil sie vermutlich nicht wollte, dass da Vinci (oder auch sonst jemand) von ihrer Schwerhörigkeit erfuhr, lächelte sie einfach, als ob sie jedes Wort seiner Litanei verstünde. Und so kam es,  dass da Vinci voller Leidenschaft DEN BESONDEREN AUSDRUCK malte, der zu einer bleibenden Ikone der Zivilisation wurde.

Ja, Mona Lisa hat geblufft, wie es alle Menschen mit einer Hörschädigung machen, ob wir es nun zugeben oder nicht. Statt zuzugeben, dass wir in einem Gruppengespräch verloren sind,  nehmen wir einen Ausdruck freundlichen Verstehens an, nicken hin und wieder andeutungsweise, um Zustimmung mit dem Gesagten anzudeuten – oder auch eben nicht. Obwohl wir durchaus nicht immer vorhaben zu bluffen, sind die meisten von uns alte Hasen, die glauben, niemand kennt ihr dunkles Geheimnis – dass wir nämlich genauso verloren wie die alte Mona sind.

Wir sind völlig davon überzeugt, dass wir gut im Bluffen sind. Aber in Wahrheit könnten wir das ein oder andere über persönliche Geheimhaltung von Mona Lisa lernen. Die unerbittliche Wahrheit ist, dass jeder, der uns gut genug kennt, um uns in einer polizeilichen Gegenüberstellung zu erkennen, auch merkt, wann wir bluffen.

Hier ein paar verräterische Anzeichen, dass Du es mit einem Bluffer zu tun hast, der nur so tut, als höre er Dir zu oder verstehe, was Du erzählst. (Anmerkung des Autors:  Ich habe all diese Dinge selbst praktiziert und bin schon dabei erwischt worden.)

  • das im Vorfeld erwähnte Halblächeln von Mona Lisa: unverbindlich, irgendwo zwischen einem breiten Grinsen und der Totenstarre
  • eine Augenbraue leicht nach oben gezogen, um Interesse anzudeuten. Aber eine Braue, die zulange gewölbt bleibt, sollte einem zu denken geben. Oder kennst Du jemanden, der mit  nicht nachlassendem Interesse an jedem Deiner Worte hängt – und das stundenlang?
  • Die Hände fest im Schoß gefaltet oder verschränkt. Ich habe mich immer schon gefragt, warum man das macht. Aber jetzt, nachdem ich Mona Lisas Hände gesehen habe, ist mir klar geworden, dass es ein typisches Merkmal für Hörverlust ist, ein Zeichen von Stress. Wenn der eigene Beitrag in einer angeregten Unterhaltung nur in wiederholten „Verzeihung?“ besteht, leidet das Selbstbewusstsein enorm.
  • Wenn direkt angesprochen, zuckt derjenige zusammen und antwortet: „Entschuldigung, ich war gerade in Gedanken. Was haben Sie gesagt?“ Sehr verdächtig, vor allem, wenn die gleiche Person Dich die ganze Zeit mit Kuhaugen angestarrt hat.
  •  Jemand steht auf und verlässt den Raum, während der Sprecher noch nicht fertig ist. Ein ganz klarer Hinweis.

Alle schwerhörigen Menschen bluffen in einem gewissen Ausmaß und daran wird sich auch nichts ändern. Das wahre Problem liegt vielmehr darin, wie oft und in welchen Situationen wir bluffen. Einige von uns täuschen gelegentlich, aber für andere kann es durchaus eine Art der Lebensgestaltung sein. Auch wenn es mir weh tut zu sehen, wie schwerhörige Menschen sich aus einer Unterhaltung ausklinken, so verstehe ich doch die Gründe dafür: die Verleugnung des eigenen Hörverlusts oder dessen Schwere,  der Unwille, die Leute mit der ständigen Bitte, etwas zu wiederholen zu ärgern oder, von uns allen wohl am meisten gefürchtet, unpassende Äußerungen im falschen Moment.

Ich selbst benutze diesen BESONDEREN AUSDRUCK auch, und zwar aus persönlichen, ganz gewöhnlichen Gründen. Es kostet einen Haufen Konzentration und Energie, alles verstehen zu wollen. Manchmal ist es einfacher, sich für eine Weile auszuklinken, ganz besonders in Situationen, in denen das Zuhören zusätzlich erschwert ist, wie in überfüllten Restaurants, in Unterhaltungen, in denen sehr schnell geredet wird oder bei lauten Familienzusammenkünften.

Ich habe auf die harte Art gelernt, dass Bluffen auch ernste Folgen haben kann. Vor langer Zeit, während eines nächtlichen Strandspazierganges mit wachsendem romantischem Interesse zwischen mir und meinem Begleiter, stellte dieser mir eine Frage. Es war dunkel, die Wellen waren laut und ich habe ihn nicht verstanden. Wahrscheinlich hatte ich ihn an dem Abend schon zu häufig gebeten, etwas zu wiederholen, also beschloss ich zu raten und antwortete: „Nein“. Er blieb stehen und wiederholte überrascht: „Nein?“ Oha, dachte ich, das hier musste wichtig sein. Aber ich war schon zu weit gegangen und falscher Stolz brachte mich dazu,  mein Nein entschlossen zu wiederholen.

Ende der Beziehung; ich habe den netten Jungen nie wieder gesehen. Und bis heute habe ich keine Ahnung, was er mich eigentlich gefragt hat. Aber ich kann es mir vorstellen:

Netter Junge: Ich mag Dich Gael. Magst Du mich auch?

Gael:  Nein.

Netter Junge: Wirklich? Du möchtest mich nicht wieder sehen?

Gael: Nein.

Weil ich Angst hatte, wie ein Idiot dazustehen, habe ich etwas ganz besonderes verloren. (Aber wie heißt es so schön, alles ist gut, was gut endet. Später habe ich einen wundervollen Mann geheiratet. Aber man fragt sich doch ständig, was möglicherweise hätte sein können.)

Ich gehe mittlerweile selbstbewusster mit meiner Schwerhörigkeit um und mit den Dingen, die ich brauche, damit ich möglichst problemlos kommunizieren kann. Aber es hat ein ganzes Leben lang gedauert, dahin zu kommen. Keiner von uns schafft das von heute auf morgen. Hin und wieder geben wir dann unserer Mona Lisa Seite nach und bluffen. In solchen Situationen sage ich mir selbst: „Das ist zu schwierig, diesen Teil überspringe ich einfach. Denn einige Situationen kann ich wirklich nicht kontrollieren. Ich kann meinen Wünschen Ausdruck verleihen, aber ich kann mein Gegenüber nicht zwingen, deutlicher zu sprechen oder Blickkontakt zu wahren. Ich kann die Hintergrundgeräusche abstellen, aber ich kann die Leute nicht zwingen, nicht gleichzeitig oder durcheinander zu sprechen.“

Also, was macht ein kluges Mädchen in einer solchen Situation?

Andeutungsweise lächeln, die linke Augenbraue ein wenig hochziehen, Hände im Schoß verschränken und auf Teufelkommraus hoffen, dass es nicht direkt angesprochen wird.

Und wer weiß? Vielleicht bringt meine mysteriöse Schönheit ja jemanden dazu, mich  zu malen, damit sich Menschen im dritten Jahrtausend über mein Lächeln wundern können.

 

Ich danke meiner Teamkollegin Birgit Meyer (schwerhörig, Cochlea-Implantat-Trägerin)

Birgit Meyer, sh, CI-Trägerin
Birgit Meyer, sh, CI-Trägerin

für die Übersetzung des Originaltextes von der schwerhörigen Bloggerin Gael Hannan (siehe ihr Blog: http://hearinghealthmatters.org/haveyouheard/)

Gael Hannan, sh

und die Kooperation mit den beiden Power-Frauen. Einen ganz herzlichen Dank beiden! 😀

 

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Hörgeschädigte und ihr Geheimnis

Hörgeschädigte und ihr Geheimnis

Es ist das Geheimnis der Hörgeschädigten, hinter dem die Hörenden nie kommen (können) und wenn doch, dann nur gerade mal ansatzweise. Ich werde auch nur einen Teil davon verraten können 😉

Hörgeschädigte sind zum sehr großen Teil hochintelligent und beim Anblick der Hörenden frustriert, wenn sie sehen, dass Hörende sich nichts aus ihrer Gabe mit dem Hören machen, ja sogar respektlos damit umgehen, als sei dies so selbstverständlich.

Hörgeschädigte haben – gleich welcher Hörschädigung – faktisch gleiche Kommunikationsprobleme in der hörenden Welt:

– Sie hören nicht und werden für dumm gehalten.

– Sie sprechen nicht gut oder komisch und werden für dumm gehalten.

– Sie können nie bei Diskussionen mitmachen und sind ausgeschlossen.

– Sie sehen Mitleid in den Augen der Hörenden und es nervt sie.

– Hörgeschädigte nutzen die Gebärdensprache – für so manche Hörende eine „Affensprache“

– Sie werden nicht verstanden, wenn sie sich lieber mit nur einem Hörenden treffen wollen, statt mit der Gruppe zu treffen.

– Wenn sie in der Gruppe sind, werden sie nicht verstanden, wenn sie die Gruppe früher verlassen und sich zurückziehen.

– Schwerhörige und Ertaubte reden viel bei den Hörenden, um ihnen nicht viel zuhören zu müssen, weil es sie sehr anstrengt.

– Haben hörende Menschen schlechtes Mundbild und geben sich sichtbar keine Mühe, schalten sich Hörgeschädigte innerlich ab.

– Wie händeringend Hörgeschädigte nach Informationen verlangen, bemerken die Hörenden nicht und sagen: „Ach, nicht so wichtig“ oder „Sage ich dir später“ *grrrrrrrr*“

Treffen sich Hörgeschädigte unter sich, reden sie darüber, wie schwer es manchmal bei Hörenden ist und dass sie durch die Eigenarten der Hörschädigung nicht verstanden werden, sehen sie sich mit wissenden Augen an und wissen sofort Bescheid:

– Hörende haben keine Ahnung über Hörgeschädigte.

– Hörende sind blind und stellen dumme Fragen: Dürfen Hörgeschädigte überhaupt Auto fahren/Rad fahren?

– Hörende hören nicht richtig zu und haben keine Geduld in der Kommunikation.

– Hörende sind manchmal so hilflos und haben Angst vor Hörgeschädigten bzw. vor der Kommunikation mit ihnen.

– Hörende können selbst nicht gut sprechen, ihre Mundbilder lassen zu wünschen übrig.

Hörgeschädigte und ihr Geheimnis: Großes Fragezeichen

Das Geheimnis aller Hörgeschädigten: Inmitten der Menschenmenge so einsam zu sein – verbunden mit Frust aufgrund der entgehenden Informationen, die einfach nicht bei den Hörgeschädigten ankommen. Der Kopf ist leer, das Fragezeichen groß im Hirn. Keine Arbeit im Hirn, um irgendwelche für sich wichtige Informationen ausfiltern zu können, wie es bei Hörenden üblich ist.

Ertaubte Menschen erkennen diese „Falle“ im Kommunikations- und Informationsbereich und kommen oft eine Zeit lang damit nicht klar und wundern sich über Hörgeschädigte, wie diese die Kommunikations- und Informationsdefizit-Frust aushalten können – sie ziehen sich komplett zurück, und wenn sie sich dann doch mit Menschen treffen, dann sind sie laut und reden viel, damit sie nur nicht in die Verlegenheit kommen, anderen zuzuhören, weil es sie so sehr anstrengt und mit vielen (teilweise auch für sich selbst peinliche) Rückfragen und Ausreden (z.B. „Ach, ich war mit Gedanken woanders“) gekoppelt ist.

Wer möchte gerne diese Liste weiterführen und das Geheimnis genauer verraten? 😉

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Gehörlosblog-Bild mit Botschaft

Fällt euch was auf an diesem Bild, das ich in meiner Jugendzeit gemalt habe? Ich weiß, mein Bild ist überhaupt nicht perfekt, aber das ist hier nicht so wichtig.

Wichtig ist die Botschaft, die ich ins Bild hineinmalte.

Schreibt es bitte ins Kommentarfeld herein.

So, nun hier das Bild:

Habt ihr die Botschaft gefunden? 😀

Perspektivenwechsel beim Mailänder-Kongress von 1880

Ich mache hier mal einen Perspektivenwechsel für die Auswirkungen durch das Verbot der Gebärdensprache beim Mailänder-Kongress von 1880.

Sicher erinnert sich so mancher unter euch an den Kartoffel-Verbot? Da wurden Kartoffeln angepflanzt. Die armen Leute kannten dieses Gemüse gar nicht und vermieden dieses Gemüse daher. So wurde auf einem Kartoffelfeld Soldaten aufgestellt zur Bewachung, weil die Kartoffeln – mit List – verboten wurden.

So kam es, wie es kommen musste:

Der Verbot reizte die armen Leute und sie stahlen Kartoffeln, um sich damit ernähren zu können. Die Soldaten wurden beauftragt, die Leute NICHT vom Stehlen abzuhalten, indem sie sich schlafend stellten. Seitdem fand die Kartoffel einen festen Platz auf dem Speiseplan der Menschen in Europa.

Nun meine Frage bzw. Perspektivenwechsel: Wurde diese List beim Mailänder Kongress von 1880 auch angewandt? *zwinker*

Denn:

Der Verbot der Gebärdensprache hat eh nie gefruchtet und da der Verbot die Menschen eher reizte, dies erst recht zu tun – wurde die Gebärdensprache sowieso erst recht verbreitet – zusammen mit dem offenen Geheimnis, dass diese verboten sei.

Ich persönlich habe sehr lange nicht von diesem Mailänder-Kongress von 1880 gehört und ich hatte auch nie das Gefühl, dass die Gebärdensprache verboten sei.

Als ich mit 4 Jahren das erste Mal – abgesehen von meiner gehörlosen jüngeren Schwester – zum ersten Mal mit anderen gehörlosen Kindern im Kindergarten für Hör- und Sprachbehinderte in Frankenthal zusammen kam, wurde da auch untereinander gebärdet. Wir übten viel sprechen, aber ich kann mich gar nicht erinnern, dass uns die Gebärdensprache für die Kommunikation untereinander deshalb verboten wurde.

Dann kam meine Schulzeit – auch da kann ich mich gar nicht an das Wort „Verbot für die Gebärdensprache“ erinnern. Das kam erst viel später, da war ich bereits 15 oder 16 Jahre alt. Es gab für mich somit keinen Reiz, erst recht die Gebärdensprache zu beherrschen – ich war / bin in zwei Welten zuhause, bei den Hörenden und bei den Hörgeschädigten. Ich spreche sehr gerne die Lautsprache und die Gebärdensprache beherrsche ich bei den Hörgeschädigten, wenn leider nicht so gut, aber ich werde verstanden 😀 .

Seit ich den Gehörlosblog betreibe, erfuhr ich immer wieder die Aufregung über das Urteil des Verbotes für die Gebärdensprache, die beim Mailänder-Kongress von 1880 aufgestellt wurde.  Dank dieses Verbotes wurde die Gebärdensprache lange Zeit nicht anerkannt – worüber sich viele heute immer noch aufregen.

Aber ist es nicht so, dass wir diesem Verbot eigentlich dankbar sein sollten, weil DADURCH die Gebärdensprache stärker verbreitet wurde – schon allein aus dem Grund, dass der Verbot die Menschen schon immer reizt? Die Menschen können wirklich so leicht überlistet werden mit den Verboten.

Ist es vielleicht auch so, dass viel zu viel Wert auf dieses Urteil durch das Mailänder-Kongress gelegt wird?  Weil dieses immer noch in vielen Köpfen kursiert, statt nach vorne zu schauen und an besserer Publikation bzw. Öffentlichkeitsarbeit für Hörgeschädigte zu arbeiten?

Ich freu mich auf die Kommentare… 😀