Interview – Volleyballlegende Betty Steup-Bauer

Interview – Volleyballlegende Betty Steup-Bauer

Um das Motto vom letzten Interview weiterzuführen:

„Auch wenn wir nicht hören, na und! Wir können uns sehen lassen!“

stelle ich meine nächste Interviewpartnerin vor: die Volleyballlegende Betty Steup-Bauer. Sie hat nicht nur in der Gehörlosen-Sportwelt einen hohen Bekanntheitsgrad. Sie bringt sich sehr ein für die gehörlosen Menschen, hat selbst viele Erfolge erzielt, und ist in der Sportswelt auch noch Moderatorin, Entertainerin, Webmasterin, Komikerin… Ein Allround-Talent. Doch lassen wir sie nun selbst erzählen!

Interview mit Volleyballlegende Betty Steup-Bauer

1) In der Gehörlosenwelt bist Du für Deine sportlichen Leistungen sehr bekannt: Volleyball, Beachvolleyball, Triathlon, und wie ich gesehen habe, auch Bodybuilding… Was hast Du so alles gemacht und was machst Du gerade aktiv?

Ja, richtig, nicht nur Volleyball und Beachvolleyball, auch Damenfussball, Futsal und Leichtathletik. Heute mache ich hauptsächlich Body Building. Nebenbei mache ich noch Triathlon, nur als Hobby und in der Freizeit Montainbike und im Sommer manchmal Beachvolleyball. Zur Zeit mache ich mehr Fitness (Bodybuilding), weil sie meinem Körper mehr Stabilität bringt (ich hatte früher in meiner Sportkarriere so viele Verletzungen gehabt, z.B. 8 mal Bandscheibenvorfälle) und auch zum fit bleiben in meinem höheren Alter.

In meiner Jugendzeit war ich sehr erfolgreich im Volleyball, Leichtathletik und später dazu Damenfussball und Beachvolleyball.

 

Volleyballlegende Betty Steup-Bauer
Volleyballlegende Betty Steup-Bauer

2) Mir ist aufgefallen, dass Du Dich als „Volleyball-Legende“ nennst. Es gibt nicht viele Menschen, die sich zu Lebzeiten „Legende“ nennen. Ich habe eine Definition danach gesucht und fand das hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Lebende_Legende

In der hörenden Welt bezeichnet sich der berühmte Boxer Mohammad Ali auch als lebende Legende. Ich persönlich kannte in der hörenden Welt eine Frau, die sich auch schon zu ihren Lebzeiten Legende nannte und meiner Meinung nach zu Recht. Wie bist Du selbst dazu gekommen, Dich als Volleyball-Legende zu nennen?

Einige haben zu mir gesagt, dass ich es verdient habe als Legende im Volleyball. Viele von meinen Volleyball-Leuten nannten mich schon Legende. Ich habe sehr lang Volleyball gespielt. Ich habe mit Volleyball im Jahr 1976 angefangen und schon über 35 Jahre gespielt. Bei der Nationalmannschaft der Gehörlosen habe ich über 30 Jahre gespielt und war auch sehr erfolgreich. Deshalb wurde ich Volleyball-Legende. Sogar die Sparte Volleyball des Gehörlosenverbandes hat dies auch bestätigt. Ich denke, es passt gut zu mir. Lach!

Kurzfilm mit Bilderreihe über die Sportkarriere von Betty Steup-Bauer:

3) Du hast die Webseite: http://www.betty-steup-bauer.de – diese dreht sich rund um Deine sportliche Erfolge. Auch wenn diese noch nicht fertig aufgebaut ist, finde ich Deine Struktur in dieser Webseite hochinteressant. Denn Du strebst hier eine große Vernetzung an, unter anderem die Nennung der gehörlosen sowie hörenden Vereinen. Wie lange hast Du persönlich gebraucht, die Vernetzung innerhalb Deiner Sportkarriere und im privaten Umfeld aufzubauen? Was treibt Dich dazu an?

Danke schön, bis heute ist meine Webseite immer noch nicht fertig. Es fehlt mir einfach an Zeit. Ich bin auch als Webmasterin für die Homepage vom Gehörlosensportverein GSV Wuppertal tätig. Ich hatte damals zahlreiche Homepages gehabt, die ich immer gelöscht habe. Es waren eine für Volleyball, eine für SkiFun und eine für die Fotogalerie. Jetzt nur eine Homepage, also komplett von meinen Sporterfolgen bis SkiFun. Die ganz neue Website www.betty-steup-bauer.de ist die offizielle Homepage in meinen Leben. Ich muss irgendwann wieder anfangen, mein Vorhaben umzusetzen. Warum ich meine Website zeigen und veröffentlichen will, hat einen ganz einfachen Grund: ganz früher gab es nicht viele Medien wie heute und sehr viele wissen nicht, was früher so geschah und nur wenige wussten davon, dass wir als Volleyballmannschaft sehr erfolgreich waren. Deshalb will ich mehr Medien für die Historie einsetzen sowie auch schöne Erinnerungen zeigen. Diese Geschichte darf nicht vergessen werden, schon aufgrund vieler Erfolge. Zur Zeit ist bei einigen Sparten-Homepages nicht viel oder kaum von der Historie oder Chronik enthalten. Echter Mangel! Deshalb will ich in meiner Homepage mehr Historie über meine Erfolge mit der Nationalmannschaft bringen!

4) Was hast Du für einen Beruf gelernt? Bist du darin hauptberuflich tätig?

Von Beruf bin ich Vermessungstechnikerin und Angestellte im öffentlichen Dienst. Und ja, ich arbeite immer noch, bald 37 Jahre lang.

5) Du hast neben Deinem geliebten Sport weitere Hobbys: Gesunde Ernährung, Fotografie und lustige Videos – Könntest Du hier mehr darüber erzählen?

Ja, damals vor ca. 10 Jahren war ich schon stark mollig und dabei ging es mir nicht gut. Dann habe ich mehr auf Diät und gesunde Ernährung geachtet und dabei viel abgenommen, so ging es mir wieder gut.

Erst habe ich zum ersten Mal ein Video im Facebook (noch keine Fanseite) gezeigt, in dem ich über Bauchmuskel und Fettschicht mit Zeichnungen erklärt habe. Eine Frau wollte innerhalb Facebook mein Video an anderen Gruppe weiter teilen. Jedoch konnte sie dort nicht veröffentlichen, weil ich mein Video nicht für alle veröffentlicht habe. Deshalb fand die Frau das schade. Dabei bekam ich diese Idee, eine Fanseite (Sportler, Persönlichkeit) zu gründen. So kann ich meine weitere Videos mit Erklärungen für alle veröffentlichen, ebenso über meine Karriere und vieles mehr.

Die lustigen Filme habe ich dann für meine Film-Erklärungen angepasst, damit es nicht langweilig wird ☺ Ich war schon immer eine lustige Frau. Und schon früher habe ich auch einige lustige Filme (VHS, analog) mit und für meine Skigruppe gedreht. Ich organisierte früher sehr viele Skiurlaube für Deafs.

Nun über Fotografie… früher als ich sehr jung war, hatte ich eine sehr einfache Kamera (Kompaktkamera, Filmstreifen) gehabt. Die Kamera ging kaputt und ich bat meine Mutter, mir ein neues Fotoapparat zu Weihnachten zu schenken. So gingen meine Mutter und ich zum Fotogeschäft und ich durfte mir eine Kamera aussuchen. Ich dachte dabei an die Spiegelreflexkamera und habe diese einfach ausprobiert. Da entdeckte ich mein Talent und die Liebe zum Fotografieren. Bis heute immer noch… Leider hab ich sehr wenig Zeit zum Fotografieren… Doch wenn ich im Urlaub bin, darf meine gute Kamera nicht fehlen. Anfang der Fotografie bis heute hatte ich sehr viele unzählige Kameras (analog bis digital), gefühlt sicher über 35 Kameras. Zur Zeit besitze ich die Kamera Nikon D7100 mit ein paar Objektiven und eine kleine Sony-Kamera (sehr einfache Kompaktkamera).

6) Dir eilt auch der Ruf im Voraus, dass Du auf Verleihungsabenden der Sportler auch als Entertainerin auftrittst. Du hast dich ehrenamtlich sehr eingebracht, wie mir Deine Seite hier verrät (ganz unten der letzte Satz 🙂 Erfolgreiche Sportkarriere von Betty Steup-Bauer als Historie) Machst Du dies nur bei Sportlern, oder auch im Theaterbereich?

Nur für den Sport und für die Ski-Organisation (privat), kein Theaterbereich.

7) Bei den lustigen Videos hast Du eine Art Serie gemacht: „Frieda Fett im Kampf mit ihrer Nutella“ – könntest Du uns hier ein Video zeigen?

Einige Videos sind auf meiner Fanseite von Facebook zu sehen. Auf Youtube habe ich noch nichts hochgeladen.

Hier  ihre Facebook-Fanseite:

 

8) Ich fand im Facebook einige Hinweise über Deine lustige Sketchfilme von früher. Könntest Du Dir vorstellen, damit weiterzumachen? Du bist nämlich in der Gehörlosen-Gemeinschaft nicht nur wegen Sport, sondern auch für deinen unverwechselbaren Humor bekannt!

Ja, auf jeden Fall will ich weiter machen. Ich habe viele Ideen, leider habe ich bis jetzt kaum Zeit und brauche für diese Filme sehr viel Zeit, das ist nicht einfach. Letzte Monate waren leider nichts draus geworden aus gesundheitlichen Gründen. Noch in diesem Jahr will ich einige Filme machen und darunter auch Ernährungs-Erklärungen (Kohlenhydrate-Fett-Eiweiss). Ich muss nur meine Zeit finden. Ich treibe auch immer noch Sport, arbeite auch noch und bin immer voll beschäftigt.

Ja stimmt,  ich bin schon immer eine humorvolle Frau, mein Humor ist bei mir angeboren. 😀

Kurze Ausschnitte der Sketche von Betty Steup-Bauer im Video:

9) Bevor ich die Frage vergesse: Wie kam es zu Deiner Hörschädigung? Wie gehst Du damit um? Wem hast Du zu vieles zu verdanken?

Ich war schon seit meiner Geburt gehörlos, genauer schwerhörig. Etwa mit 5 bis 6 Jahren wurde ich richtig taub und habe die Hörgeräte immer weggeworfen. Weil es mich so nervte wegen den Geräuschen und ich verstand auch nicht viele Wörter. Der Lehrer zwang mich, Hörgeräte zu tragen. Ich habe viel geweint. Meine Mutter unterstützte mich sehr und nahm mir die Hörgeräte ab und hat sie weggestellt. Danach wurde ich sehr glücklich. Ich habe meiner Mutter viel zu verdanken. Sie hat viel für mich getan, alles!! Ich als Gehörlose komme prima und klar aus! Es stört mich nicht, dass ich gehörlos bin. ☺

10) In diesem Artikel WZ Zeitungsbericht über eine große Sportlerin geht es um Deine besondere Ehre als große Sportlerin und zwar Deine Auszeichnung mit der „Heinrich-Siepmann-Plakette“, der höchsten Auszeichnung im Gehörlosen-Sport. Diese Auszeichnung fand im November 2016 statt, richtig? Wie war dieser großer Tag für Dich?

Ja, es war im November 2016. Es war eine normale Ehrung, aber für mich war es schon der größte Tag, weil ich großen Respekt vor Siepmann habe.

Ich habe mein Ziel erreicht und vielleicht auch verdient.

(Anmerkung der Gehörlosblog-Redaktion – Mehr über den gehörlosen Heinrich Siepmann mit dem Spruch: “Trotzdem, ich kann, ich will”:  Heinrich Siepmann und die Sportsplakette , dort ist eine Liste mit großen gehörlosen SportlerInnen, Betty Steup-Bauer ist die Nr. 92 🙂 )

11) – Könntest Du Dir vorstellen, mal einen Abstecher in den Theaterbereich zu machen? Dein Video mit den lustigen Sketch-Filmen zeigt deutlich, wie viel Spaß Du dabei hast, deine Komik auszuleben. Könntest Du Dir vorstellen, mal gemeinsam mit dem Comedian Rosana alias Simone Lönne auf die Bühne zu gehen?

Lach, sehr viele Gehörlose (meine Freunde) haben auch gefragt, warum ich nicht eine Show (Sketche) auf der Bühne machen will, auch eine Teilnahme beim Gebärdenfestival oder lustigen Kurzfilm-Wettbewerb. Ich mache das aber nicht, weil ich mehr von meiner Freizeit haben möchte. Als ich im Volleyball tätig war, war ich sehr viel unterwegs… gefühlt wie Tag und Nacht. Es war anstrengend in meiner Volleyball-Karriere. Deshalb will ich auf meinen Körper „hören“.  Simone hat oft zu mir gesagt, dass ich das machen soll. 😉

Sogar mein Mann hat zu mir gesagt: Es wäre große Klasse, wenn Simone und ich gemeinsam auf der Bühne stehen würden. Ich denke aber anders, Simone ist eine tolle Komikerin und soll auch als alleinige Komikerin auf der Bühne stehen.

Ich habe den VHS-Film gefunden, wo Simone und ich als Babysitter gespielt haben. Es war im Skiurlaub und es war sehr lustig.

Ich war auch Moderatorin für das 100 jährige Jubiläum des Vereins Kölner GSV. Ich hab auch paar Theaterstücke mit meinen Volleyball-KameradInnen durchgeführt. Nebenbei habe ich sehr viele Skiurlaube für Gehörlose organisiert. Nicht nur zum Skilaufen, auch viele Gesellschaftsspiele, z.B. Spiel ohne Grenzen (im Schnee), Ski-Orientierungslauf und Abschieds-Skilauf mit lustigen Faschingskostümen.

Babysitterfilm mit Betty Steup-Bauer und Simone Lönne

12)  Möchtest Du den Gehörlosblog-LeserInnen Deine Botschaft oder Dein Motto mitteilen?

Gehörlosblog.de ist für mich enorm wichtig für alle, was wir nicht wissen oder nicht gewusst haben. Es gibt paar Leute, die eine Respekt einflößende Persönlichkeit haben, jedoch meistens in den Medien nicht bekannt sind. Da muss aber geweckt werden und bei Gehörlosblog.de wird es möglich gemacht!

Liebe Betty, das war eher ein Kompliment für mich als Gehörlosbloggerin 🙂  und ich freue mich sehr darüber. Vielen Dank dafür 🙂  Ich danke Dir sehr, dass ich das Interview mit Dir machen durfte! Toi toi toi, weiterhin viel Erfolg, nicht nur beim Sport und in der Gesundheit, auch als Komikerin. Vielleicht kommst Du doch einmal mit Rosana Comedy gemeinsam auf die Bühne? 🙂 Alles kann, nichts muss.

Eure Gehörlosbloggerin

Gehörlosblog – Interview mit der Autorin Heike Wanner

Gehörlosblog – Interview mit der Autorin Heike Wanner

Die Autorin Heike Wanner gilt mittlerweile als ein Geheimtipp. Sie hat schon 7 heitere Frauenromane geschrieben. Mit einem ihrer Bücher landete sie auf den Platz 33 der Bestsellerliste („Weibersommer“).

Heike Wanner (fotografiert von Michaela Philipzen)
Heike Wanner (fotografiert von Michaela Philipzen)

In ihrem neuesten Roman „Liebe in Sommergrün“ hat sie eine gehörlose Figur namens Felix eingebaut. Ich hatte als Gehörlosbloggerin die besondere Ehre, dass sie mich als Beraterin für ihren gehörlosen Protagonisten in ihrem Frauenroman ausgesucht hat. Und ich freue mich sehr, dass ich sie für das Gehörlosblog interviewen darf. Nach diesem Interview gibt es ein Gewinnspiel im Gehörlosblog, bei dem Ihr das Buch „Liebe in Sommergrün“ von Heike Wanner gewinnen könnt!

Gehörlosblog – Interview mit der Autorin Heike Wanner

1.) Wie bist Du auf die Idee gekommen, eine gehörlose Figur in deinen Frauenroman mit aufzunehmen?

Das kam spontan beim Schreiben und war vorher nicht geplant. Die Idee hat sich dann schnell in meinem Kopf festgesetzt, und ich wurde sie nicht mehr los.

Zum Glück!

Denn die Figur Felix hat sich aus mehreren Gründen wunderbar in die Geschichte eingefügt: Er treibt die Handlung an entscheidender Stelle voran, sorgt später für ein wenig Humor und dann auch noch für ganz viel Herzklopfen.

Warum gehörlos? Warum nicht?!

Das Schöne am Bücher-Schreiben ist ja, dass man seine eigene Welt erfinden darf, inklusive der Personen, die in dieser Welt leben. Die Charaktere in meinen Geschichten waren schon alles Mögliche: Single, alleinerziehend, krank, trauernd, schwanger, verliebt, unglücklich verheiratet etc… Warum kann es nicht auch mal ein Mensch mit Behinderung sein?

Wir leben doch alle miteinander, und es ist gar nicht so selten, dass sich ein Mensch ohne und ein Mensch mit Behinderung ineinander verlieben. Nur wird das in Romanen – wenn überhaupt – immer mit großem Drama inszeniert und geht selten gut aus.  Der Held mit Behinderung zerbricht entweder an seinem Schicksal, wird geheilt oder stirbt.

Ich wollte zeigen, dass es auch anders funktioniert. Felix führt ein ganz „normales“ Leben. Nur eben mit der kleinen Besonderheit, dass er nichts hören kann.

2.) Du hattest in Deiner eigenen Familie einen Onkel, der als Kind im 2. Weltkrieg auf der Flucht durch Bombeneinschlag ertaubte. Wie war nach Kriegsende die Förderung gehörloser Kinder?  Wie hast Du Dich mit ihm unterhalten? Kannst Du Dich noch erinnern, was an ihm besonders war?

Mein Onkel ist leider schon früh verstorben, und ich habe nicht viele Erinnerungen an ihn. Doch ich weiß noch, dass er ein total lieber Mensch war, der geduldig und gern mit mir und meiner Kusine gespielt hat. Unsere Verständigung klappte irgendwie mit Händen und Füßen. Ich glaube, als Kind denkt man gar nicht groß darüber nach, sondern improvisiert einfach drauflos.
Soweit ich weiß, gab es in den ersten Nachkriegsjahren keine gezielte Förderung für Gehörlose. Die Leute hatten andere Probleme – so schlimm, wie das heute auch klingt.

3.) Als Du gefragt hast, ob es realistisch wäre, wenn die gehörlose Romanfigur Felix den Beruf Fotograf und Journalist hat, war ich davon so begeistert und zugleich berührt. Denn es gibt Klischees, dass Gehörlose dieses und jenes nicht können. Du jedoch hast Dich gar nicht mit diesen Klischees abgegeben, sondern deinen Blick offen gehalten für alle Möglichkeiten. Das finde ich so klasse! Möchtest Du uns dazu Deine Gedankengänge verraten?

Ich habe mich langsam an das Thema Gehörlosigkeit herangetastet und konnte dich immer wieder zu Rate ziehen. Zu Anfang wusste ich nicht viel, aber dank deiner Hilfe und dank der Präsenz des Themas in den neuen Medien habe ich schnell dazugelernt.

Wichtigste Erkenntnis: nicht jeder kann alles. Aber dieser Satz gilt für Menschen ohne Behinderung genauso wie für Menschen mit Behinderung. Und niemand sollte vorab irgendwelche Klischees entwickeln.

Mein Tipp: Einfach auf Menschen mit Behinderungen zugehen und keine Berührungsängste haben! Sie sagen oder signalisieren einem schon, was sie können und was nicht. Je besser man sich kennenlernt, umso schneller wird aus dem Klischee „behindert“ eine simple Eigenschaft – eine von vielen, so wie z.B blond, Brillenträger, männlich o.ä.

4.) Du hast dem gehörlosen Protagonisten ursprünglich keine so große Rolle zugedacht. Dennoch hat sich diese Figur verselbstständigt und sich weiter entwickelt. Wie war das für Dich beim Schreiben, dass sich eine Romanfigur anders entwickelte? Wie kam es dazu? Was hattest Du für ein Gefühl dabei?

Wohl jeder Autor hat es schon mal erlebt, dass eine Figur beim Schreiben plötzlich über sich hinauswächst. Meistens sind es dann diese ungeplanten Figuren, die einem im weiteren Verlauf der Geschichte besonders am Herzen liegen. Jedenfalls war das bei Felix und mir so …

In dem Moment, wo er ein Gesicht und eine „Stimme“ hatte, war er für mich aus der Handlung nicht mehr wegzudenken. Es wäre schade gewesen, ihm lediglich eine kleine Rolle am Rande des Geschehens einzuräumen. Denn dazu ist sein Leben einfach zu spannend und zu interessant. Außerdem hat er ganz wunderbar mit den anderen Hauptpersonen harmoniert.

Kurz gesagt: er passte einfach perfekt dazu.

5.) Wie haben Deine LeserInnen Deinen Roman „Liebe in Sommergrün“ mit der gehörlosen Figur aufgenommen?

In den Rezensionen war die Meinung zum diesem Thema durchweg positiv – was mich total freut und was mindestens zur Hälfte auch dein Verdienst ist, liebe Judith! Meine Leserinnen fanden die Felix-Geschichte „anrührend, gut recherchiert, glaubhaft, mutig und authentisch“ (um nur einige der Reaktionen zu nennen). Für mich ist das Bestätigung und Ansporn zugleich.

6.) Auf deiner Webseite www.heike-wanner.de steht unter anderem, dass Deine Bücher nicht unbedingt eine tiefe Botschaft haben. Deine Bücher sollen einfach nur gut unterhalten. Wenn Du die LeserInnen zum Schmunzeln bringen kannst, dann bist Du schon zufrieden. Und doch habe ich diese Frage: Was für eine Botschaft hast Du für hörgeschädigte LeserInnen?

Bleibt so offen und selbstbewusst, wie ich Euch im Netz oder persönlich kennengelernt habe! Und habt Geduld mit den Hörenden – viele von ihnen meinen es gar nicht böse, sondern sind einfach nur zu höflich oder zu schüchtern, um direkt auf Euch zuzugehen.

Wenn ich mit meinen Geschichten ein kleines bisschen dazu beitragen kann, dass wir uns besser verstehen, dann bin ich schon zufrieden.

Und natürlich freue ich mich besonders über Euer Feedback unter info@heike-wanner.de oder in Facebook.

Einen herzlichen Dank an die Autorin Heike Wanner für dieses Interview.

Es war mir eine sehr große Freude, für sie während ihres Buchprojektes als Beraterin zu fungieren. Sie stellte mir jede mögliche Frage ohne Scheu und hinterfragte auch mehrmals meine Antworten. Die Selbstverständlichkeit meines gehörlosen Alltags war für mich so wie ein Fisch im Wasser, der das Wasser nicht mehr wahrnimmt. Ich beobachtete also meinen Alltag neu. Einige Male musste ich meine Lebenserfahrungen entsprechend der Perspektive des Hörenden umschreiben. Hier half mir mein hörender Mann. Ich stellte dabei fest, dass ich manchmal das Gegenteil beschreiben musste, damit die Gehörlosigkeit mit der Auswirkung auf die Kommunikation in der hörenden Gesellschaft verstanden wurde. Das hat mir zu denken gegeben und mich gleichzeitig sensibilisiert für die Wahrnehmung aus verschiedenen Blickwinkeln. Es war ein Geben und Nehmen zwischen der Autorin Heike Wanner und mir. Dafür sage ich DANKE!

Jetzt zum Gewinnspiel: Dank der Autorin Heike Wanner habe ich Bücher von ihrem Verlag gesponsert bekommen für das Gehörlosblog-Gewinnspiel. Es wird in ein paar Tagen bekanntgegeben. Bleibt dran und macht mit!

Eure Gehörlosbloggerin