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Notruf für Gehörlose und Schwerhörige – Projekt Hieron

Notruf für Gehörlose und Schwerhörige – Projekt Hieron

Wenn ich auf die Seite www.hieron.org komme, springt mir der Spruch sofort ins Auge:

Lache nicht vorschnell über jemanden, der einen Schritt zurückgeht!
Er nimmt vielleicht nur Anlauf.  (Sophronius Eusebius Hieronymus)

Weshalb der Spruch? Auch das wird dort erklärt:

Sophronius Eusebius Hieronymus (im Jahre 420), war ein Kirchenvater, der das Alte Testament aus dem Hebräischen ins gesprochene Latein übersetzte. Er gilt als Schutzheiliger der Übersetzer.Dieses Projekt ist nach ihm benannt, weil Übersetzung und Kommunikation im Zentrum stehen.

Das heißt also, das Projekt Hieron wurde quasi unter dem „Schirmherr Hieronymus der Übersetzung und Kommunikation “ auf die Beine gestellt. Das ist eine lebendige Einführung in ein Projekt!

Jedoch mit dem Unterschied zu vielen Projekten, dass die Hörgeschädigten diesmal mit im Boot sitzen und das Projekt mitgestalten.

Wer steckt hinter diesem Projekt Hieron?

  • Steffen Helbing – er ist gehörlos, Rollstuhlfahrer und CDU-Politiker
  • Uwe Schönfeld – er ist hörend, ein Coda und mit seiner gehörlosen Frau Christina verheiratet. Er ist Gebärdensprachdolmetscher.

Steffen Helbing und Uwe Schönfeld haben zudem den Verein ZFK e.V. gegründet (Zentrum für Kultur und visuelle Kommunikation der Gehörlosen in Berlin & Brandenburg e.V.).  Mehr Informationen findet Ihr auf: http://www.zfk-bb.de/ Einer ihrer besonderen Schwerpunkte ist die Überregionale Koordinierungs- und Beratungsstelle mit der Aufgabe, die Situation der Hörbehinderten in der Gesellschaft weiter zu verbessern.

  • Andreas Muchow – hörend. Er ist der Tüftler,  Erfinder und Entwickler der App HandHelp.

Dass sich diese 3 Menschen passend zusammenfanden, um das Projekt Hieron ins Leben zu rufen und gleichzeitig sich dafür einzusetzen, damit die Notfall-App kostenlos genutzt werden kann, ist spitze!
Was ist das Projekt Hieron?
Eine barrierefreie Notruf App – sie funktioniert ohne Anruf, ohne Sprache, sekundenschnell nur mit einem Knopfdruck und verbindet direkt zu Polizei, Rettungsdienst und Feuerwehr. Die App ist weltweit einsetzbar und kann von allen Menschen genutzt werden. Mehr im Video:

Ich fragte Andreas Muchow, wie er darauf kam , diese App auszutüfteln und zu entwickeln:

Hier seine Antwort:

„Ich habe mir genau die 110 und 112 im heutigen Zeitalter angeschaut und festgestellt, wie viele Menschen KEINEN telefonischen Notruf im Notfall wählen können… unter anderem die Menschen, die mir familiär und freundschaftlich sehr nahe stehen und einige hiervon gesundheitlich beeinträchtigt sind.“

 

Er selbst kam sogar in die Situation, seine eigene Notfall-App nutzen zu müssen. Hier seine Erfahrung:

„Ich hatte selbst kurz vor Weihnachten 2014 einen Verdacht auf Schlaganfall. Ich war heilfroh, meine App in der Tasche gehabt zu haben, die mich selbst ins Klinikum rechtzeitig führte. „

 So gesehen, hat praktisch JEDER einen Nutzen durch die Notfall-App, sogar der eigene Erfinder! Umso schöner ist es, dass die App für die Hörgeschädigten quasi barrierefrei ist, und ohne Anruf auskommt.

Die Gesundheit ist des Menschen das höchste Gut. Das Besondere daran ist, dass wir Hörgeschädigte nun unabhängig Hilfe holen können für die Rettung, ohne jemanden finden zu müssen.

Es gibt zwei Apps, die auf dem Smartphone installiert werden können, entweder hier direkt über den Link oder auf den Stores:
www.notruf-gehörlose.de (für Deutschland) und www.notfall-app.eu (europaweit)
Mehr darüber wird im Video erklärt:

Die HandHelp – Hieron App im Rahmen des Projektes Hieron gibt es nicht auf den Stores, sondern werden via Link versendet. Bisher nur in Brandenburg.

Das Team des Projektes Hieron hat eine Menge vor:

Sie kämpfen für die deutschlandweite Umsetzung, sie benötigen die Politik, Förderer, Sponsoren etc., um die HandHelp-App inkl. Gebärdensprachdolmetscher Notrufzentrale deutschlandweit kostenlos anzubieten und die Inklusion im Notrufsystem endlich zu erreichen.

Am 13.10. und 14.10.2016 sind sie bei den Inklusionstagen in Berlin und kämpfen dort weiter. Verantwortliche Politiker sind dort anwesend.

Sie waren schon 4 mal im Bundestag vorsprechen und haben eine Petition eingereicht. Jedoch verlief die Petition so, dass der Bund sie auf die Länder und Kommunen verwiesen hat, diese aber bisher nicht darauf reagieren.

Sie haben seit 2013 einen einseitigen Schriftverkehr mit Frau Merkel, Herrn De Maiziere… Nur Herr EU-Präsident Schulz hat ihnen persönlich geschrieben und diverse Empfehlungen für Europa zukommen lassen.

Sie wollen die Barrierefreiheit / Inklusion im Notrufsystem und haben als Patrioten Deutschland ein Übernahmeangebot zukommen lassen. Aber hier werden wohl andere Länder damit schneller sein. Denn zum Beispiel Nigeria, da haben sie jetzt ein 10-Jahres-Projekt unterzeichnet – siehe hier: hieron.org -Internationale Kooperationen

Ich möchte hier noch loswerden, dass ich den Power von Steffen Helbig bewundere: Er ist gehörlos, hat leider nur noch einen gesunden Arm und ist im Rollstuhl gefesselt. Und doch fliegt er in die ganze Welt, um international die Barrierefreiheit und Inklusion zu erreichen. Respekt!

Ich persönlich bin nicht so die Freundin des Begriffes „Inklusion“, der Begriff ist meiner Meinung nach einfach zu schwerfällig und sehr erklärungsbedürftig. Viele Menschen verstehen dieses Fremdwort nicht. Auch ist dieser Begriff mit so vielen Missverständnissen behaftet, was für die Öffentlichkeitsarbeit eher wie eine „Handbremse“ wirkt. Es bremst die bessere und klare Verständigung aus.

Darum sage ich es in einfachen Worten: Diese Notruf-App ist barrierefrei für alle, insbesondere für Hörgeschädigte. Die App ist einfach für JEDEN zugänglich im Notfall.

Ich bleibe hier am Ball und werde immer mal wieder über die App HandHelp und deren Macher sowie Projekt Hieron posten.

Eure Gehörlosbloggerin

Judith Harter

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