Interview mit Contergan-Gehörlose Ulrike Dilg-Krieg (1)

Man liest überall immer wieder von Hörbehinderten, aber nur sehr wenig über die Gehörlosen, die durch Contergan hörgeschädigt auf die Welt kamen.

So habe ich ein interessantes Interview mit Frau Ulrike Dilg-Krieg geführt, die contergan-hörgeschädigt geboren wurde.

J. Göller: Wie nahmen deine Eltern es auf, als du auf die Welt kamst?

U. Dilg-Krieg:

Ich bin am 2. Februar 1960 in Idar-Oberstein geboren. Als ich 2 Jahre alt war, ist mein Vater an Herzinfarkt gestorben. Er hat es nicht verkraftet, ein Contergankind zu haben, da er meiner Mutter die Contergan-Tabletten zum Einnehmen gegeben hat. Meine Mutter litt an Schlaflosigkeit am Anfang ihrer Schwangerschaft, daher nahm sie 1 bis 2 Contergan-Tabletten.

Ulrike Dilg-Krieg

Ulrike Dilg-Krieg als 3-jähriges Kind

J. Göller: Was genau wurde bei dir festgestellt? Was für Schädigung hast du durch Contergan?

U. Dilg-Krieg:

Meine Mutter war mit mir öfters in der Uniklinik in Mainz. Ich wurde mehrmals untersucht, aber da der Gehörnerv fehlte, konnte man nichts weiter unternehmen. Auch half kein Hörgerät. Hinzu kommt, dass ich keine Ohren habe sowie meine Gesichtsmuskulatur (Augen und Mund) geschädigt ist.

Ulrike Dilg-Krieg und ihre große Schwester

J. Göller: Welche Schulen hast du besucht? Welchen Beruf hast du gelernt?

U. Dilg-Krieg:

Mit 6 Jahren kam ich nach Neuwied in die Gehörlosenschule bis 1971. Dann konnte ich nach Trier übersiedeln in die Schule. Dort hat es mir gut gefallen. Meine Ex-Erzieherin (Schwester Konrada) war sehr lieb zu mir. Ich werde sie nie vergessen (Sie ist leider nach langem Leiden an Brustkrebs gestorben, ich habe sie oft besucht in der Klinik). Anschließend war ich für zwei Jahre in Frankenthal (Berufsgrundschuljahr und Hauswirtschaftslehre).

J. Göller: Wie war es für dich, als du festgestellt hast, dass du anders bist als andere Kinder?

U. Dilg-Krieg:

Als ich in der Pubertät war, habe ich meiner Mutter immer wieder vorgeworfen, warum meine Geschwister normal aussehen und warum ich contergan-geschädigt und gehörlos bin. Warum meine Mutter so dumm war und die Tablette genommen hat… Da war ich so ca. 12 bis 14 Jahre alt.

Ulrike Dilg-Krieg als 13-jährige

Fortsetzung folgt…

Ähnliche Beiträge

  • WM-Berichte für taubblinde Menschen – BAMBI

    Ich horchte bei dem von Geburt an blinden Kevin Barth auf, der einen BAMBI erhielt bei der BAMBI-Verleihung. Grund dafür war sein Einsatz für taubblinde Menschen! Er erstellte für die Taubblinden die Fußball-WM-Berichte in Blindenschrift, worüber taubblinde Fußballfans sehr glücklich waren. Diese Fans sind in der Minderzahl, doch gerade sie konnte man mit den WM-Berichten…

  • Untertitel-Umfrage NUR für Hörgeschädigte

    Frau Blessing bat mich, ihre Untertitel-Umfrage auf meinem Blog zu veröffentlichen. Das mache ich sehr gern und ich beteilige mich auch an der Umfrage. Diese Umfrage macht sie für ihre Zulassungsarbeit „Untertitelung und Dolmetschereinblendung für hörgeschädigte Menschen im Fernsehen“. Wenn es um die Untertitel geht, bin ich voll dabei! Es kann ja nicht so weitergehen,…

  • Tag der Gehörlosen in Karlsruhe am 23. September 2006

    Ein wunderschöner Tag, sehr gute Organisation, Ausstellung der Kunstwerke (wunderschöne, aussagekräftige Bilder!) mit anwesenden gehörlosen Künstlern MM Manfred Mertz und Claudia Krämer, ein lustiger, entspannender heiterer Theaternachmittag und -abend, viel Lachen, Kontaktaufnahme mit vielen Menschen – alles in allem gut gelungen. Ich traf Gehörlose wieder, die ich viele Jahre nicht mehr sah, große Wiedersehensfreude!! Dazu…

  • Aufführung Theaterstücke am 23. September 2006 in Karlsruhe

    Die Theatergruppe Barbie hat am Tag der Gehörlosen in Karlsruhe (23. September 2006) zwei Theaterstücke aufgeführt – direkt aus dem Leben der Gehörlosen gegriffen. Mit diesen Stücken zeigte sie die Probleme der Gehörlosen im Alltag auf. Nach dessen Aufführungen folgte die Podiumsdiskussion (bei dieser Diskussion war ich leider nicht anwesend). Leider, leider habe ich diesmal…

  • Wer nicht gut spricht, dem hört man nicht gerne zu

    Als ich in einem Wartezimmer saß, nutzte ich die Zeit, die Zeitschriften durchzulesen. Eines Tages jedoch nahm ich das Heft der Volkshochschule Speyer in die Hand und sah die Kursangebote durch. Dabei blieben meine Augen an dem Satz hängen: „Wer für andere unverständlich spricht, dem wird nicht gern zugehört – weil es mühevoll ist.“ Dieser…

Ein Kommentar

  1. Vielen Dank für deinen ehrlichen Beitrag. Ich bin auch stark schwerhörig, contergangeschädigt. Früher habe ich auch meine Mutter sehr stark vorgeworfen, dass sie die Tabletten eingenommen hat. Mein Leben ist gezeichnet mit vielen Schwierigkeiten zwecks Schwerhörigkeit.
    Trotzdem bin ich dankbar, dass ich in meinem Leben sehr glücklich bin.
    Ich würde mich freuen, wenn deinen Betrag weiter geführt wird.
    Gruß Bernard

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert