Taube Wut im Bauch (3)

Als junge Erwachsene habe ich viel über meine taube Wut im Bauch nachgedacht. Ebenso auch über die Aggressionen (kurz gesagt: Wut) bei anderen Hörbehinderten… Jedes Mal, wenn ein Hörbehinderter anfing zu rebellieren oder alles runterzuschlucken und aufzugeben, erkannte ich mich selbst darin wieder.

Es ist einfach der Frust, dass man aufgrund der Hörbehinderung nicht an die Informationen rankommt. Ja, sogar immer den Informationen hinterherlaufen muss. Die Hörenden haben die Wahl, sich die Informationen zu holen. Wir Hörbehinderten haben diese Wahl nicht.

Als Hörbehinderte ist man einfach ausgeschlossen. Es ist daher kein Wunder, wenn der Frust und die Aggressionen dadurch durchbrechen, sei es in Form einer Rebellion (Kampf) oder zum größten Teil in Form der Resignation (sich selbst aufgeben).

Es ist eben nicht einfach für Hörbehinderte/Hörgeschädigte:

– Ausgeschlossen werden mitten unter den Menschen
– Vereinsamung, Isolation
– Keine Wahl beim Aufnehmen der Informationen, die Abhängigkeit von anderen wird überdeutlich
– Selbstkontrolle durch eigene Stimme beschränkt oder gar nicht vorhanden
– die feinen Frequenzen, die die Informationen beinhalten, kommen nicht an (die Hörgeräte und die CIs nehmen diese Frequenzen nicht auf)
– Kampf um jedes Wort
– Missverständnisse kommen häufiger vor
– Emotionen werden sofort über die Stimme weitergegeben (wenn ich anfing, zornig zu werden, wurde meine Stimme sofort ganz piepsig, ohne dass ich darüber kontrollieren konnte, weil mir die Stimme als Anhaltspunkt fehlte)

Daher ist es kein Wunder, wenn die Hörbehinderten sich aufgrund des fehlenden Gehörs „daneben benehmen“ (aus der Sicht der Hörenden) und im Vergleich zu Hörenden immer zurückbleiben oder hinterher hinken, wenn es um die Informationen geht.

Die ganze Tragweite können die Hörenden überhaupt nicht nachvollziehen, erst, wenn sie selber betroffen sind, sei es durch Hörsturz, Schlaganfall, Hörverlust durch einen Unfall, altersbedingte Ertaubung…

Liebe Hörende, stellt euch mal eine GANZE Woche vor – 7 Tage lang – :
OHNE Telefonate,
OHNE Untertitel beim Fernsehen,
OHNE Radio und
total eingeschränkt in der Kommunikation mit anderen Menschen…

Ist dies ein Vergnügen?

Könnt Ihr vielleicht nun „die taube Wut“ besser oder wenigstens ansatzweise begreifen im ganzen Leben eines Hörbehinderten?

Damit schließe ich das Thema „Taube Wut im Bauch“ ab.

Ähnliche Beiträge

  • Barrierefreiheit in den Medien für Gehörlose

    Barrierefreiheit in den Medien für Gehörlose Das hier ist die Ergänzung zum aktuellen Blogbeitrag von Julia Probst in Sachen Barrierefreiheit – http://meinaugenschmaus.blogspot.com/2012/01/ein-lob-die-bundesregierungl#comment-form. Der alte Beitrag unten stammt aus 2008 und es ist dadurch sehr sichtbar, wie viel noch angepackt werden muss, um die Barrrierefreiheit für Gehörlose anzustreben. Die Barrierefreiheit ist trotz der einzelenen Erfolge in…

  • Beim Arzt per Lautsprecher aufgerufen und übergangen werden

    Eine Freundin von mir, die einen Hörsturz erlitt und durch den Hörsturz ertaubte, berichtete mir folgendes: Sie hatte bei einem Internisten einen Arzttermin um 8.00 Uhr. Sie bat die Arzthelferin, sie persönlich aufzurufen, weil sie taub ist. Meine Freundin betonte das Wort persönlich. Das Wartezimmer war brechend voll gewesen. Sie wartete und wartete. Irgendwann wunderte…

  • Entspannt genießen

    Nun habe ich wieder etwas schönes entdeckt – ein aussagekräftiges Bild, wie man sich fröhlich entspannen kann. (m. freundlicher Genehmigung v. Kirsten Dabelstein-Sieben, DANKE 😀 ) Ihr ganzer Körper liegt entspannt auf dem Sand, eine kleine frische Meeresbrise zupft an einer Haarsträhne. Ihre Augen werden von den wärmenden Sonnenstrahlen gekitzelt. Sie lächelt vor sich hin,…

  • Schmetterling von der Deafswimworld-Redakteurin

    Hier sieht man, wie das strahlendblaue, azurfarbene Wasser um die Deaf-Schwimmerin Gerda Reinhard herum leuchtet. Dazu die schönen kraftvollen schwingenden Arme, die durch die Sonnenbräune im Wasser einen sehr schönen Kontrast geben. Ihr schnelles Schwimmtempo sieht man deutlich an ihren Händen. Ein Kraft- und Speed-Bild! Dank an Gerda Reinhard für ihre Erlaubnis zur Veröffentlichung

  • Gehörlose reisen sehr gerne – Werbung mit Untertitel

    Gehörlose reisen sehr gerne – Werbung mit Untertitel   Schaut Euch unbedingt dieses wunderschöne Video an. Es ist zwar eine versteckte Werbung in diesem Video, aber richtig guuuut. Es weckt die Emotionen und die erwünschte Reiselust. Dazu noch die Zusammengehörigkeit der Menschen, egal, wo sie herkommen. So eine DNA-Aktion („The DNA Journey“) könnte man auch…

  • Frau Holle aus gehörloser Perspektive

    Christopher Buhr, schwerhörig, ist einfach genial, wenn es um die Videoclips geht. Hier hat er Frau Holle, die gehörlos ist, dargestellt: [youtube ei-jRYKVno4] Wer der Gebärdensprache mächtig ist, viel Vergnügen beim Anschauen. Für diejenigen, die die Gebärdensprache nicht können: Frau Holle bekommt ein SMS  von ihrem Freund, dass er kommt. Sie beeilt sich mit dem…

2 Kommentare

  1. Hallo Frau Göller, Sie beschreiben das sehr plastisch, mit der Wut im Bauch und ich kann das glaube ich gut nachvollziehen und verstehen. Ich denke, das kann sich ein Hörender kaum vorstellen, was das bedeutet, ein Leben lang in dieser Weise eingeschränkt zu sein. Wenn man, wie durch Ihre Artikel, für das Thema sensibilisiert wird, geht man im Alltag ganz anders mit seinen hörbehinderten Mitmenschen um. Viele Grüße Volkmar Franke

  2. Setz einen Hörenden eine Woche unter Gehörlose – natürlich jemanden, der NICHT gebärden kann! Und er wird recht schnell verstehen, wie ausgegrenzt man sich fühlen kann!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert