Taube Wut im Bauch (2)

In meinem ersten Bericht „Taube Wut im Bauch (1)“ schrieb ich über meine Agression in meiner Kindheit, weil mir die Worte dazu fehlten…

Jetzt berichte ich über meine taube Wut in meiner Jugend/als junge Erwachsene:

Ich wirkte in einem Zeltlager als Betreuerin mit. Ich betreute zusammen mit einem anderen Mädchen eine Mädchengruppe im Alter von ca. 9 bis 10 Jahren. Ich selbst war ca. 16 bis 18 Jahre alt.

Es war an der Tagesordnung, dass die Betreuer immer wieder zusammen saßen und den nächsten Tag besprochen haben. Nun war es so, dass ich die einzige Gehörlose war im Betreuer-Stab. Ich bat die anderen, deutlicher zu sprechen bei der Besprechung, damit auch ich etwas verstehen konnte. Meine Bitte fruchtete nichts und ich musste mir immer alles zusammen reimen.

Was mir auch noch zusätzlich schwer machte, war der Dialekt (pfälzisch) und eine Betreuerin hielt immer die Hand vor ihrem Mund, sobald sie sprach. Keiner der Betreuer gab sich die Mühe, damit auch ich verstehen konnte. Sei es aus Unwissenheit, sei es aus Schüchternheit, sei es aus Unsicherheit mir gegenüber?

Täglich wurde mein Frust immer und immer größer, ich war unglücklich.

Mit den kleinen Mädchen konnte ich gut umgehen, insbesondere dann, wenn es um sportliche Aktivitäten ging, auch wenn ich die Kinder nicht immer verstehen konnte.

Trotzdem wurde mein Frust tagtäglich immer größer und ich gab bei den Betreuer-Besprechungen auf, mithalten zu können. Mir wurde alles so egal, was besprochen wurde, ich wurde eh nie gefragt. Daher gab ich auch innerlich auf.

Das schlimmste für mich war das Lagerfeuer spät am Abend! Alles so dunkel, nur das flackernde Licht der Flammen. Für die anderen war das Lagerfeuer Abenteuer, für mich bedeutete es jedoch, dass ich mich wegen Dunkelheit mit niemandem mehr unterhalten konnte.

Ich sehnte mir den Tag der Heimfahrt herbei und ich fühlte in meinem Bauch meine taube Wut immer größer und größer wachsen…

Als ich endlich heimfuhr, war ich so froh. Daheim angekommen, sagte ich nichts darüber, was ich dort alles erlebte. Ich wollte einfach nicht darüber reden.

Als meine Mutter mich immer mehr drängte, ich solle doch bitte darüber erzählen, was ich dort so alles machte mit den Kindern, konnte ich meine taube Wut im Bauch gar nicht mehr zurückhalten und brüllte meinen Wut heraus, wie blöd das ganze Zeltlager war und dass ich dort sowas von unglücklich war und mit niemandem von den Betreuern richtig reden konnte, einfach mit niemandem!!! Und dann auch die blöde Betreuerin, die immer ihren Mund mit der Hand zuhielt, wenn sie sprach oder lachte. Der blöde Dialekt, alles war einfach zu blöd und ich fühlte mich so einsam, mitten unter den Menschen!

Ich lud meinen ganzen Frust ab, schrie und heulte mir die Wut heraus über die „Sch..ß“-Betreuer.

Dann hakte ich diesen „Frust-Sommer“ als unschön ab. Es war alles einfach nur deprimierend und traurig für mich, sobald ich daran dachte.

Einige Zeit später wurden mir positive Rückmeldungen zugetragen, von den Eltern der kleinen Mädchen, die ich in der Gruppe betreute. Die waren von mir sehr begeistert, wie ich mit ihnen turnte und Sport machte. Darüber war ich erstaunt und gleichzeitig auch erfreut. Wenigstens etwas, dass es den Kindern Spaß machte, mich als Betreuerin zu haben.

Von diesem Zeltlager habe ich leider überhaupt keine Fotos, nur noch das Logo, was ich für dieses Zeltlager zeichnete (für T-Shirt-Druck für alle Teilnehmer)… Zu groß war meine taube Wut, dass ich nichts mehr von diesem Zeltlager sehen und wissen wollte.

Wenn sich jemand dieses Logo ansehen möchte, schreibt mir einfach: zeltlager-logo(at)gehoerlosblog.de und ich veröffentliche es dann hier in diesem Bericht!

Ähnliche Beiträge

  • Escape Room im House of Tales in Berlin mit Gewinnspiel

    ———————- Werbung ———————- Dieser Beitrag ist in Kooperation mit House of Tales® entstanden. Dies hatte keinen Einfluss auf meine persönliche und freie Meinung, und die Gestaltung des Beitrags wurde mir selbst überlassen. Escape Room im House of Tales in Berlin mit Gewinnspiel In Berlin gibt es das neue und faszinierende Escape Game direkt am Checkpoint Charlie….

  • Lebensfreude zum Tag der Gehörlosen 2016

    Lebensfreude zum Tag der Gehörlosen 2016   Als ich diesen Bericht „Au d‘ Händ schwätzed Schwäbisch“ (Stuttgarter-Nachrichten.de) las und das dazugehörige Video sah, breitete sich in meinem Gesicht ein Lachen aus. Die Lebensfreude sprang auf mich über. Das Video ist so gut gemacht, dass Mutter und Tochter Edith und Patricia Wahl, beide gehörlos, so gut…

  • Fuchteln lässt sich +++ top +++ verkaufen

    Wie? Ja, grad, weil das Fuchteln soviel Spaß  macht, kaufen die Leute sich die Bewegungssteuerung Kinect. Laut Microsoft über sage und schreibe 8 Millionen Mal!!! Gibt es auch bei dieser Bewegungssteuerung die „Gebärdensprache zu fuchteln„? Wenn Ihr solch ein Spielprogramm gefunden habt, dann lass es mich bitte wissen – wenn noch nicht, dann appelliere ich…

  • Außerirdisch dank CI

    Als ich im Wartezimmer in einer Arztpraxis saß, gingen mir die Batterien von meinem Sprachprozessor aus. Der Sprachprozessor leuchtete blinkend rot auf. Durch meine Haare schimmernd… Meine Sitznachbarin fing an, mich so komisch anzustarren. Ich schaute sie lächelnd an, zuckte mit den Schultern und sagte daraufhin zu ihr: „Ich bin eine Außerirdische.“ Sie bekam den…

  • Blitzlichtwecker für Gehörlose ruft Schock hervor

    Früher – in meiner Jugendzeit -, da hatte ich einen Blitzlichtwecker, der mich aus meinem tiefen Schlaf rausholen sollte. Ich habe diesen Blitzlichtwecker sehr gehasst, jeden Morgen war ich blind durch die starke Blendung der Blitze – echt knallhart! Und jeden Morgen träumte ich, ich werde von dutzenden Leuten fotografiert und muss viele Blitze über…

  • Wie heißen die Gehörlosen?

    Bei uns Gehörlosen gibt es ein gravierendes Problem: Namen Wenn wir uns unterhalten, rufen wir uns nicht zu. Stattdessen gehen wir direkt zu der betreffenden Gehörlosen, mit denen wir uns unterhalten wollen. Wir tippen auf die Schulter, um die Aufmerksamkeit auf uns zu lenken. Oder durch Winken, oder durch das Klopfen auf dem Tisch. Oder…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert