Dieses Thema mit der ersten geplanten europäischen Gebärdensprach-Universität in Bad Kreuznach beschäftigte mich seit einiger Zeit und gemeinsam mit dem schwerhörigen Regisseur Christopher Buhr, seiner Frau, Selo,  Anette H. Borhani setzten wir unsere Gedanken, Überlegungen, Kriterien und die Möglichkeiten um und heraus kam der Filmschnitt:

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Bitte den Film bis zum Schluss anschauen. Es stellt erstens hoffentlich die Vision vieler Gehörlosen dar, die gerne studieren möchten. Und am Schluss sind wieder Outtakes (= verpatzte Szenen) zu sehen, schmunzel (ich habe meinen Hüftschwung aber noch nicht verraten, psssst!). Der Film ist noch ohne Untertitel.

Wir sind extra nach Bad Kreuznach gefahren, um uns ein Bild vor Ort zu machen. Das Gebäude, das dafür vorgesehen sein soll,  ist groß und geräumig. Die Gebärdensprach-Universität soll – laut des Blogs http://signlangunieu.wordpress.com/ nicht nur für Hörgeschädigte offen sein, sondern auch für Hörende, die die Gebärdensprache erlernen wollen bzw. gebärdensprach-kompetent sind.

[Mein Kommentar:  Zu allem gibt es eh immer das Für und Wider. Hierzu muss sich jeder seine eigene Meinung bilden bzw. seine eigene Entscheidung treffen.]

Eines ist auf jeden Fall klar: Auch die Gehörlosen sind wissensdurstig, wissbegierig und wollen lernen (ich zähle mich selbst dazu, auch wenn ich nicht studiere, ich studiere das Leben und meine Erfahrungen *zwinker*).

Im Gegensatz zu den U.S.A. besteht Europa aus sehr vielen kleinen Staaten mit so vielen unzähligen Kulturen und daher geht es hier auch anders zu mit der Umsetzung. Wir können uns niemals mit den U.S.A. vergleichen – die haben nicht den Krieg gehabt, die wir hier in Deutschland hatten. Dieser Krieg hat unsere Generationen um viele, viele Jahre zurückgeworfen, so dass wir deshalb „hinterher trotteln“ – aber vergesst nicht den Spruch: „Made in Germany“ – zeugt von Qualität!

Hoch lebe die Vielfalt in Deutschland (und Europa)!

Ich berichte in einigen Tagen über das Paradoxe des Mailänder Kongresses (wegen dem Verbot der Gebärdensprache), dem soviele Menschen eine hohe Bedeutung beimessen!

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  • Hi,

    ich finde das Video ist euch sehr gelungen. Die Idee von der „europäischen Gebärdensprach-Universität in Bad Kreuznach“ klingt für mich sehr interessant. Und doch Frage ich mich, wie man das ganze Umsetzen will. Um diese Fragen zu klären, habe ich mir das Konzept (http://signlangunieu.files.wordpress.com/2010/08/konzept.pdf) angeschaut. Dabei bin ich über einige Dinge gestoßen, die in meinen Augen utopsich klingen. Wenn man sich die Organisationsform der Uni anschaut, soll die Uni mit 300 Studenten beginnen und später irgendwann auf 2000 Studenten ansteigen. Zitat:“Abhängig von der anfänglichen Nachfrage der Studenten und Vorhandsein des Lehrpersonals sollen ausgewählte Bachelor-Studiengänge mit den Abschlüssen Bachelor of Arts (B.A.) (z.B. Pädagogik, DGS-Linguistik, Deaf Studies, Psychologie, Sozialarbeit, Gebärdensprachdolmetschen, Soziologie, Theater/Film/Fotografie, Sport, Kunst, Literatur, Theologie), Bachelor of Science (B.Sc.) (z.B. Physik, Chemie, Biologie, Geowissenschaft, Medizin, Betriebswirtschaftslehre, Informatik, Mathematik), Bachelor of Engineering (B.Eng.) (z.B. Elektrotechnik, Maschinenbau) und Bachelor of Laws (LL.B.) (z.B. Jura, Politik) angeboten werden. Später können eventuell Master-Studiengänge und Promotion angeboten werden.“ Wenn man weiter liest, findet man die vorgesehenen Einrichtungen die geplant sind. Man versucht einen großen Teil der genannten Studienrichtungen abzudecken. Viele Universitäten die klein angefangen haben, haben erst einmal versucht mit einem oder zwei Fachbreiche erst einmal Fuß zu fassen. Nach meinem ermessen versucht man mit einem breiten Netz so viele Fische wie möglich zufangen. Des Weiteren haben viele Universitäten erst als Fachhochschule angefangen. Klar kann man mit dem nötigen Kleingeld aus Spenden(hier ist zu erwähnen, dass es 2 Millionen sind, was für mich ja auch zweifelhaft ist, ob dies bis Januar aufgetrieben werden können, die für den Anfang gebraucht werden) eine Universität aus den Boden ziehen. Was ist mit den Folgekosten? Hat man das einmal bedacht?
    Zitat:“Dem entsprechend sollen nicht nur Taube, sondern auch gebärdensprachkompetente Hörende, natürlich mit ausgewogenem Verhältnis, als Studenten oder als Personal an der Uni teilhaben.“ Das heißt doch dann wiederum, dass die Hörenden, die nicht die Gebärdensprache sprechen können ausgeschlossen werden. Was ich wiederum nicht verstehe. Man sollte doch eher versuchen alle Studenten in der Uni zu zulassen. Da wie es weiter gesagt wird „Das Angebot umfasst vorerst Bachelor- Studiengänge, die zusätzlich zum gewählten Kernfach eine Qualifikation in DGS mit einschließen.“ Das heißt doch, dass man dort wiederum im DGS ausgebildet wird. In meinem Auge ist dies ein Wiederspruch und eine Ausgrenzung von Hörenden. Inklusion sieht in meinen Augen anders aus. Des Weitern sehe ich in dieser Uni eine Art Verinselung. Anstelle die Studierenden (Taube und Hörenden die mit Gebärdensprachkompetenz) zu bündeln, sollte man doch lieber diese in den einzelnen „Staatlichen Unis“ stark machen. Das heißt Anstelle einer kleinen, gebalten Insel sollte man doch lieber viele kleine Zellen in den vorhanden Unis erstellen und diese stärken. Warum ich das meine? Dadurch das es viele kleine „Zellen“ gibt, bekommen die Hörenden in ganz Deutschland den Umgang und die Probleme von Personen mit, die Taub oder Schwerhörig sind. Dadurch kann man mehr Akzeptanz in der Gesellschaft erwirken, als durch eine Verinselung. Nur die Politik kann diese Infrastruktur aufbauen und die Probleme der Studierenden dadurch beheben. Widerum muss man auch bedenken, dass viele Studierende (die Taub oder schwerhörig) schon in der Gesellschaft integiert werden. Es findet schon seit Jahren ein Prozess der Inklusion statt. Kinder mit mehrfacher Behinderung gehen vermehrt in die Regelschule. Veränderungen brauchen Zeit. Ich denke, dass man die Uni zu schnell aus der Kinderstubbe holt. Wie soll ein Kind gehen können, wenn es nicht einmal krabbeln kann?

    Generell will ich noch zum Schluss sagen, dass ich kein pessimistischer Mensch bin. Ich versuche nur Kritik zu üben, welches das Projekt sich stellen muss. Es sei auch darauf hingwiesen, dass man durch solche Kritikpunkte automatisch sich auf eine Seite stellt. Auf die der Beführworter oder die der Gegner. Wenn man sich aber keine Gedanken darüber macht, ist man nur eine Fahne im Wind.

  • Ich habe selber studiert, an einer normalen Hochschule, ich bin zwar ohne Abschluss geblieben, aber trotzdem kann ich sagen: Ich weiss nicht, wie interessant eine solche Hochschule wirklich ist. Ich möchte dazu einige Denkanstösse geben. Dass jemand in der GS überhaupt die Matura (bzw. die Abitur) machen kann, hat sich beispielsweise schon in Frankreich als utopisch herausgestellt. Zum einen weil kaum einer in der Lage ist, auf diesem Niveau in GS zu kommunizieren, weder der Gehörlose selbst noch der Dolmetscher. Ich bin damit einverstanden, wenn man darauf entgegnet, dass das eben symptomatisch dafür ist, dass die GS bisher kaum gefördert worden ist. Aber selbst wenn wir dann da sind, wo wir stehen sollten: Wer will in der Wirtschaft oder in der Forschung jemanden aufnehmen, der, wie Gehörlose oft sagen, die GS zur Muttersprache hat? In der Wirtschaft ist die GS kaum zu gebrauchen, in der Wissenschaft, wo das meiste schriftlich abgewickelt wird, gibt es keine Schriftsprache, die einer Lautsprache gegenüberstünde. Gut, meistens wird ohnehin Englisch geschrieben, was für viele wiederum eine Fremdsprache darstellt. Aber ein Kommunikationsproblem stellt sich dann trotzdem.
    Last but not least dürfen wir nicht vergessen, dass bereits heute viele mit dem CI die GS kaum mehr brauchen und die Tendenz ist nicht erst seit gestern sinkend. Eine Gehörlosenuniversität erscheint mir auf lange Sicht nicht erfolgsversprechend.
    Viel interssanter ist wohl das integrative Modell, wie man sie bereits in anglo-amerikanischen Ländern kennt. Der Behinderte gibt der Universität seine Bedürfnisse ab, womit er die entsprechende Hilfe zu seinem Nachteilsausgleich erhält. Das kann ein GS-Dolmi oder aber ein Simultanschreiber sein – und gleichzeitig ist sicher gestellt, dass der Behinderte auch sicher die gleiche Ausbildung erhält, wie die nicht Behinderten.
    Dass diese Ungleichheit existiert, wissen wir nicht nur aus den USA, wo lange Zeit der zynische Leitspruch „separate but equal“ zur Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung galt, sondern auch in der Schweiz, wo wir seit kurzem zwar die integrative Schulung Behinderter kennen, die jedoch von den Lehrern aber ein anderes Lernziel als die anderen Schüler vergeben werden können, mit der Konsequenz, dass der Schüler nun mit der nicht weniger zynischen Leitlinie „integrated but not equal“ geschult wird.

  • Die 2 langen Kommentare sind gut argumentiert.
    Besonders von eyeit wird die Gebärdensprache (GS) in Frage gestellt, diesem stimme ich voll zu. In USA gibt es UNI und vermehrt gleiche GS „ASL“, die entwickelt schon GS-Erkennung auf Video wie Spracherkennung. In Europa herrschen viele ungleiche GS. Laut Prof. Rathmann in der Zeitschrift LifeInSight gibt es keine feste Form der GS, jeder zeugt dialekte GS. Man muss in Europa ein UNI für Gebärdensprache entstehen lassen, so blüht einheitliche Gebärdensprache in Europa. Kein Wunder, dass viele Gehörlose, die nur Gebärden ohne Mundbewegung kommunizieren, nicht in der Arbeitswelt zurecht kommen. Das mundtote Gebärdenmodell, wie der ehemalige DGB-Vorstand A.v.M. praktiziert, soll ein Ende setzen, die viele Gehörlosen nachahmen. Das alte Wort „Taubstumm“ stempelt sich dadurch von selbst, zu Recht prägt es heute noch.
    Die GS mit deutlicher Mundbewegung kommt besser durch, man kann so in die Arbeitswelt integrieren. So lernen die Hörenden die Gebärdensprache gern, bei mir funktioniert es gut.

    Deutschland liegt in der Mitte in Europa und muss sich werben, ein Gebäude wie diese ehemalige Kaserne für Gebärdensprache Uni für Europa freizugeben. Deutschland muss Vielfalt bieten!

    Man muss Grundschuld auf EU und für 10 Jahre für GS-Uni freigeben auf dem Prüfstand. Nach 10 Jahren muss GS-Uni selbst 2 Millionen zusammenraufen! Leerstehende Kaserne steht seit 1936 gebaut und soll zur Verfügung gestellt werden.

    Nach 10 Jahren wird die GS neues Modell EUSL entstehen…

  • Ich möchte kurz was zu Tobias über Art Verinselung sagen. Das stimme ich auch zu. Ich selber habe zwar keine Erfahrung mit der Uni, vorallem gibt es soviele Probleme die wir haben, viele Gehörlose Jugendlichen haben nach dem Abschluß vielleicht zwar den Arbeit gefunden, aber irgendwann ist man dann wieder Arbeitslos. Und dann stellt sich ja auch die Frage, wie finanziert man Unis, denn Bafög zu bekommen, geht für mich auch nicht mehr, da ich über 30J liege. Und ja, es wäre schön, wenn man vor Ort die Unis mit Gebärdensprache bekommen kann, jedoch wäre dann Gehörlose „selber“ zu sich einsam, wenn nicht viele mitmachen. Außerdem leben Gehörlose manche auch im Dorf, und die müssen auch in nächstliegende Stadt hinfahren, um zu studieren. Wenn man an viele Unis, wiederrum viele Lehrer die Gebärdensprach-kompetenz beherschen muss, wäre das kaum möglich, angesicht, auch weil Deutschland betrachtet nur 80 000 Gehörlose gibt, während die Hörende über 80 Millionen Menschen hierzulande leben. Und nicht jede Gehörlose wird sich studieren, es wird nur ein kleiner Teil bleiben, dementsprechend wäre es besser, mit einer einzigen Unis zu machen, man hätte dann Vorteile, mit vielen anderen Gehörlosen im Kontakt zu halten. Und statt mehrere Unis, wäre ich der Meinung, das man auch Fernstudium für Gehörlose an diesem Unis auch anbieten sollte, so das man zu Hause die Unterlagen schickt, und in der Woche vielleicht zu bestimmte Zeitpunkten über Webcam live unterhalten könnte. Sind bei Hörende auch nicht viel anders, die hätte auch den Vorteil, da es sicher auch viele Gehörlose die beruflich sind und man Abends studieren möchte ( so einer wäre ich auch gerne bereit), wenn es sowas gäbe. Zumal ich ja Lesen kann, und ja ich bin auch Gehörlos. Das man heute an der Unis auch direkt lernen kann, und die Fernschule können heute auch schon bereits Gehörlose lernen! Aber leider beherschen die Lehrer selbst oft kein Gebärdensprache, und das erschert die Fernschulung für Gehörlose erheblich. Es wäre also zu wünschen, wenn diese Unis die Aufgabe übernehmen könnte.

  • Hallo, Judith ! Ich finde es eine wunderbare Sache ! Da muss sich unsere Regierung noch gewaltig anstrengen um diese schon längst fällige UNI finanziell zu fördern. Die Kommentare sind sehr interessant. Ich werde dies sofort an alle SHG – Mitglieder weiter leiten. Habt Ihr schon die Landesregierung u. die Bundesregierung beauftragt, sich dieser Angelegenheit anzunehmen ? Unterschriftenliste würde ich auch für sinnvoll halten. Herzliche Grüße Gisela

  • Hallo Judith, zunächst einmal möchte ich Dir sagen, dass ich diesen gehoerlosblog.de ganz toll finde. Gratuliere!!!
    Habe eben hier die interessanten Denkanstösse gelesen. Sie alle haben Recht und es ist gut und wichtig, dass man offen darüber schreibt.
    Klar ist Europa nicht USA. Aber das muss es auch nicht sein. Und es geht auch nicht darum, dass man mit der GS in der Wirtschaft da draussen kommunizieren will. Sondern, dass GL alle Fakultäten, Fächern eben auch in DGS oder LBG studieren können. Es gibt viele GL, die hier in Deutschland eine vollwertiges Abitur machen und zwar auf hohem Niveau. Aber danach ist eben für die meisten Schluss, oder es beginnt der mühsame Behördenkampf wegen besonderer Hilfe für einen GL während des Studiums in einer regulären UNI, bzw. FH. Ich muss hier nicht erwähnen, um was es noch alles geht. Wir alle kennen das Problem. Es gibt noch viel zu tun und es ist ein langer Weg. Ich war dieses Jahr in Washington D.C. in der Gallaudet University. Es war sehr interessant und spannend zugleich. Wenn die GL Bildung besser gefördert wird und zwar von klein auf, dann können sie auch bald die DGS und die deutsche Sprache besser beherrschen. Es muss sehr früh gefördert und bessere Voraussetzungen geschaffen werden. Es ist normal, dass es „Dialekte“ gibt. Das ist in den Staaten auch nicht anders. Aber eine Art wie „Hoch DGS“ muss dringend besser gefördert werden. Ich bin gespannt, ob sich der Traum vieler GL in Zukunft erfüllt werden kann. Ich bin auf jedenfalls am Sa. in Bad Kreuznach dabei und freue mich einfach, wieder „daheim“ unter Hörgeschädigte zu sein.
    Und zu guter Letzt: Es stimmt nicht, dass alle, die frühzeitig ein CI bekommen, automatisch sprechen können. Die Wissenschaft muss gegenwärtig erkennen, dass „Hören“ allein wohl nicht das „Sprechen“ fördert. Ich kenne einige CI-Träger, die trotzdem die Sprache oder Stimme nicht kontrollieren können. Das ist einfach Fakt.

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