Gratwanderung zwischen Schuldirektorin und mir

Gestern abend war ich bei der Wahl des Schulelternbeirates in der Schule meines Sohnes dabei. Ich meldete mich und sagte, ich möchte mich zur Verfügung stellen. Die Schuldirektorin trug mich in die Liste ein.

Es waren noch andere auf der Liste. Wir mussten 15 Leute im Schulelternbeirat sein. Wir 15 wurden gewählt, darunter auch ich.

Dann sollte sich jeder, der in den Schulelternbeirat gewählt wurde, vorstellen. Jeder wurde der Reihe nach von der Schuldirektorin aufgerufen.

Als ich an der Reihe war, rief die Schuldirektorin jedoch den nächsten auf. Ich wunderte mich, wieso sie mich nicht aufrief, sondern mich einfach überging.

Ich habe mich in dieser Situation so gefühlt: diskriminiert und gedemütigt vor anderen… Das war alles andere als schön! So etwas wühlt mich immer wieder auf.

Ich wurde in den Schulelternbeirat gewählt, also gehöre ich auch dazu. Was soll dann dieses Übergehen?

Meine Freundin, deren Tochter mit meinem Sohn in die gleiche Klasse geht, stupste ich an, was das sein soll… Sie half mir und sagte zu der Direktorin, dass sie mich nicht zum Vorstellen aufrief. Die Direktorin schaute mich an – da erkannte ich in ihren Blicken die Unsicherheit – und sagte entschuldigend, dass sie meinen Namen übersehen hat. Ich soll mich bitte vorstellen.

Was ich auch tat! Ich stellte mich vor, wer ich bin, was ich beruflich mache, und dass ich Mutter von zwei Buben bin. Dann sagte ich auch, dass ich gehörlos bin und von den Lippen ablese. Das sollten die Eltern alle ja ruhig wissen. Dann bat ich meine Freundin, für mich noch einmal zu übersetzen, was ich sagte – ich wollte einfach damit sicher gehen, dass die Hörenden alle auch richtig verstanden. Denn ich habe ja nun einmal eine „gehörlose“ Stimme und das ist nicht für jeden leicht zu verstehen.

Als meine Freundin alles übersetzte und ich somit mit meiner Vorstellung fertig war, gab es einen ganz starken Beifall von allen Anwesenden. Ich staunte und freute mich sehr darüber, dass ich so gut angenommen wurde.

Danach, als alles fertig war, fragte ich meine hörende Freundin, warum die Direktorin sich so verhielt und mich übergehen wollte?? Ob das auf ihrer Seite einfach nur Unsicherheit war? Meine Freundin bejahte und sagte, das ist wirklich einfach nur die Unsicherheit gewesen, weil die Direktorin nicht wusste, wie sie mit mir zu umgehen habe wegen meiner Gehörlosigkeit.

Das war wirklich eine Gratwanderung! Meine Realität sah in dieser Situation so aus: Diskriminiert und gedemütigt! Die Realität der Schuldirektorin sah so aus: Unsicherheit und ausweichen.

Diese Gratwanderung ist leider sehr oft an der Tagesordnung zwischen Hörenden und Hörbehinderten.

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4 Kommentare

  1. Wow, gut gemacht, Judith!!! Ich kenne diese Situation sehr gut, darum mag ich nicht mehr in die hörenden Gesellschaften einzumischen, damit ich meine Ruhe habe (aber ich weiss, es ist falsch, aber was soll’s?)

  2. Hi Tanya,
    ich glaube nicht, dass es falsch ist. Es ist einfach deine Entscheidung, dir die Frust in der hörenden Welt zu ersparen. Ich kann das allzu gut verstehen 😉

    Lieben Gruß
    Judith

  3. Ich kann den Frust in dieser Situation sehr gut verstehen, aber ich denke ich verstehe auch die Unsicherheit der Direktorin.
    Würde sie eine Gehörlose, die weniger geschult ist im Umgang mit der gehörlosen Stimme, den abwartenden, fragenden, (mitleidigen?) Blicken der Anwesenden aussetzen, wäre sie die „Böse“ die eine „Behinderte“ bloßgestellt hat. Tut sie es nicht wird ihr Diskriminierung vorgeworfen.
    Ich denke nicht, dass ich diese Situation so selbstbewusst und souverän hätte meistern können wie es von einem zivilierten Mitteleuropäer evtl. erwartet wird, besonders im Hinblick darauf, dass man an eine Schulleiterin quasi den Anspruch stellt, vorurteilsfrei, gerecht und fair zu sein.
    Um so bewundernswerter finde ich deinen Mut.

    Ich stehe im Nachhinein auf und applaudiere deiner Stärke *klatsch*

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