Perspektivenwechsel beim Mailänder-Kongress von 1880

Ich mache hier mal einen Perspektivenwechsel für die Auswirkungen durch das Verbot der Gebärdensprache beim Mailänder-Kongress von 1880.

Sicher erinnert sich so mancher unter euch an den Kartoffel-Verbot? Da wurden Kartoffeln angepflanzt. Die armen Leute kannten dieses Gemüse gar nicht und vermieden dieses Gemüse daher. So wurde auf einem Kartoffelfeld Soldaten aufgestellt zur Bewachung, weil die Kartoffeln – mit List – verboten wurden.

So kam es, wie es kommen musste:

Der Verbot reizte die armen Leute und sie stahlen Kartoffeln, um sich damit ernähren zu können. Die Soldaten wurden beauftragt, die Leute NICHT vom Stehlen abzuhalten, indem sie sich schlafend stellten. Seitdem fand die Kartoffel einen festen Platz auf dem Speiseplan der Menschen in Europa.

Nun meine Frage bzw. Perspektivenwechsel: Wurde diese List beim Mailänder Kongress von 1880 auch angewandt? *zwinker*

Denn:

Der Verbot der Gebärdensprache hat eh nie gefruchtet und da der Verbot die Menschen eher reizte, dies erst recht zu tun – wurde die Gebärdensprache sowieso erst recht verbreitet – zusammen mit dem offenen Geheimnis, dass diese verboten sei.

Ich persönlich habe sehr lange nicht von diesem Mailänder-Kongress von 1880 gehört und ich hatte auch nie das Gefühl, dass die Gebärdensprache verboten sei.

Als ich mit 4 Jahren das erste Mal – abgesehen von meiner gehörlosen jüngeren Schwester – zum ersten Mal mit anderen gehörlosen Kindern im Kindergarten für Hör- und Sprachbehinderte in Frankenthal zusammen kam, wurde da auch untereinander gebärdet. Wir übten viel sprechen, aber ich kann mich gar nicht erinnern, dass uns die Gebärdensprache für die Kommunikation untereinander deshalb verboten wurde.

Dann kam meine Schulzeit – auch da kann ich mich gar nicht an das Wort „Verbot für die Gebärdensprache“ erinnern. Das kam erst viel später, da war ich bereits 15 oder 16 Jahre alt. Es gab für mich somit keinen Reiz, erst recht die Gebärdensprache zu beherrschen – ich war / bin in zwei Welten zuhause, bei den Hörenden und bei den Hörgeschädigten. Ich spreche sehr gerne die Lautsprache und die Gebärdensprache beherrsche ich bei den Hörgeschädigten, wenn leider nicht so gut, aber ich werde verstanden 😀 .

Seit ich den Gehörlosblog betreibe, erfuhr ich immer wieder die Aufregung über das Urteil des Verbotes für die Gebärdensprache, die beim Mailänder-Kongress von 1880 aufgestellt wurde.  Dank dieses Verbotes wurde die Gebärdensprache lange Zeit nicht anerkannt – worüber sich viele heute immer noch aufregen.

Aber ist es nicht so, dass wir diesem Verbot eigentlich dankbar sein sollten, weil DADURCH die Gebärdensprache stärker verbreitet wurde – schon allein aus dem Grund, dass der Verbot die Menschen schon immer reizt? Die Menschen können wirklich so leicht überlistet werden mit den Verboten.

Ist es vielleicht auch so, dass viel zu viel Wert auf dieses Urteil durch das Mailänder-Kongress gelegt wird?  Weil dieses immer noch in vielen Köpfen kursiert, statt nach vorne zu schauen und an besserer Publikation bzw. Öffentlichkeitsarbeit für Hörgeschädigte zu arbeiten?

Ich freu mich auf die Kommentare… 😀

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9 Antworten auf „Perspektivenwechsel beim Mailänder-Kongress von 1880“

  1. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute. Schönes Märchen, aber selbstverständlich war die Gebärdensprache verboten! Natürlich nicht im Alltag, aber in den Schulen. Zu meiner Schulzeit (ich selber ging auf die Regelschule) konnte man problemlos eine Gehörlosenschule durchlaufen, ohne auch nur einen einzigen Lehrer mit DGS-Kenntnissen kennen zu lernen. Und Bekannte von mir, die auf solche Schulen gingen, erzählten von Tadeln und Bestrafungen seitens der Lehrer weil sie „geplaudert“ hätten. Und zwar in der PAUSE! Und das nicht in den 1880er sondern 1980er Jahren. Anders gesagt: Der Mailänder Kongress hat sehr vielen Menschen über 100 Jahre lang erhebliches Leid zugefügt.

  2. Ich selbst bin zwar hörend, weiß aber um das Leiden von Hörgeschädigten, die am Gebärdensprachengebrauch gehindert wurden.
    Siehe auch das Buch von Peter Hepp, das im Gehörlosblog schon einemal Erwähnung fand.
    Gott sei Dank hat die Benutzung der Gebärdensprache in Deutschland schließlich in den Gesetzestexten zur Gleichbehandlung bzw. Gleichstellung Hörgeschädigter ihre rechtliche Verankerung gefunden.

    ERICH MEYER

  3. Entschuldige, aber das ist nun wirklich ein dummer Vergleich. Die Kartoffel wurde aus Amerika eingeführt und die Menschen wussten zunächst gar nicht, wie und was sie davon essen sollten.

    Im Gegensatz dazu gab es die Gebärdensprache bereits und es wurde von gehörlosen Lehrer auch in Gebärdensprache unterrichtet. Der Beschluss in 1880 hat dazu geführt, dass von heute auf morgen dieses Lehrpersonal entfernt wurde und ausschließlich auf die orale Methode gesetzt wurde. Das heißt, es wurde etwas entfernt, was zuvor schon vorhanden war. das war bei der Kartoffel anders. Insofern ist der Vergleich unsinnig. Und darauf zu setzen, dass etwas Verbotenes reizt und deswegen die Gebärdensprache blieb, ist auch eine dumme Annahme. Es geht um Notwendigkeiten, nicht um ein Luxusproblem.

    Ich war auf fünf verschiedenen Gehörlosen-Schulen und ich habe dort überall den Verbot gespürt. Auch Frankenthal ist berüchtigt für sein rigides Vorgehen gegen die Gebärdensprache. Wenn Du dort jahrelang in der Schule warst und es nicht gemerkt hast, zeigt es, dass du gar nicht auf die Gebärdensprache angewiesen warst. Schön für Dich.

    Allerdings muss ich wirklich mal fragen, wieso denn Dein Blog den Namen „gehörlos“ trägt, wenn Du es gar nicht bist? Was willst Du eigentlich damit erreichen? Profilieren und Auffallen? Nicht fair, wenn man bedenkt, dass du Dich als gehörlos ausgibt und andere, die sich mit dem Thema nicht auskennen, denken, so wie du, so sind die Gehörlosen. Sie sind es aber nicht. Sie sind anders als Du!

  4. @Alpphius,

    es kann sein, dass die Lehrer mir gegenüber nachsichtig waren, wegen meinem Lächeln??

    Auf jeden Fall habe ich mich mit meinen gehörlosen Klassenkameraden und Schulkameraden in der Gebärdensprache unterhalten.

    Ich bin von Geburt an gehörlos – das steht ja oben rechts im Menü „Wer betreibt dieses Blog?“.

  5. So, wir müssen also definieren, was „gehörlos“ ist? Jemand, der nichts hört. OK. Das kann man auch von Ertaubten sagen. Die meisten von ihnen gehören aber nicht der Gehörlosen-Gemeinschaft an, weil sie a) schriftsprach-kompetent sind und b) die Gebärdensprache für die Kommunikation nicht nutzen, weil sie sie nicht erlernen.

    So wie Deine Kompetenz in der Schriftsprache ausgeprägt ist, das ist für Gehörlose eher ungewöhnlich. Und wenn Du dann doch selbst von Dir schreibst: „Ich spreche sehr gerne die Lautsprache und die Gebärdensprache beherrsche ich bei den Hörgeschädigten, wenn leider nicht so gut, aber ich werde verstanden“. Welcher Gehörlose sagt von sich, er spricht gerne? Und kann nicht so gut die Gebärdensprache? Nur weil Du von Geburt an nichts gehört hast, bist Du noch lange nicht „gehörlos“. Das Entscheidende ist doch, dass man sich mit der Gehörlosen-Gemeinschaft identifiziert und im Prinzip in ihr und mit ihr lebt, also deren Kultur und Gebräuche innehält. Tust Du das?

    So wie Du berichtest und schreibst, erscheint es mir eher, Du berichtest als Außenstehende über ein für Dich interessantes Phänomen.

  6. @Alphius,

    in meinen Augen hast du Recht, dass der Vergleich mit dem Verbot und der Kartoffel hinkt. Im weiteren muss ich dir aber widersprechen. Man kann nicht davon ausgehen, dass man nur gehörlos ist wenn man sich mit der Gehörlosen-Gemeinschaft identifiziert und nach „nicht festgelegten Regeln“ lebt. Es gibt viele Menschen in den dritten Weltländern die diese Gemeinschaft nicht kennen. Heißt das, dass sie sich nicht als gehörlos bezeichnen dürfen? Laut deiner Definition ist jgoeller eine Gehörlose(laut Wikipeadia: „Gehörlosigkeit bezeichnet das vollständige oder weitgehende Fehlen des Gehörs bei Menschen“).

    Im Grunde kann jgoeller froh sein, dass sie durch eine intensive Förderung ihrer Umwelt die Kompetenzen der Schriftsprache so gut erwoben hat. Kann sie etwas dafür, dass sie die Gebärdensprache nicht so gut kann? Eine Identifikation der Gehörlosen-Gemeinschaft kann nach meiner Sicht sehr unterschiedlich sein. Dies ist in allen gesellschaftlichen Bereichen so. Wenn man z. B. an die Politik denkt, ist es auch so, dass ich in keiner Partei Mitglied bin. Und trotzdem gehe ich alle 4 Jahre wählen.

    Ich denke es ist auch falsch zu verlangen, dass man die „Kultur und Gebräuche“ aufrecht erhalten muss. Die Kulturen und Gebräusche ändern sich von Generation zu Generation. Erst durch die Dynamik einer Kultur bleibt diese am Leben. Wäre dies nicht so, würden wir heute vielleicht immer noch mit einer Pferdekutsche rum fahren oder die Frauen hätten immer noch kein Wahlrecht.

    Im großen und ganzem kann ich dazu nur sagen, dass diese Seite ein „Blog“ ist. Hier werden Gedanken, Ideen und Gefühle von einer Person gepostet. Wenn sich jgoeller als Gehörlos bezeichnen will und diese auch im engerem Sinne(laut deiner Definition) ist, sehe ich keinen Grund sie nicht als Gehörlos zu bezeichnen. Klar ist es eine grundlegende Diskurssion die schon viele Abende gefüllt hat. Ich denke, man sollte die Kriche im Dorf lassen und nicht päpstlicher als der Papst sein.

  7. ZUR MAIL „TOBIAS HEINRICH“ –

    ich denke, dass Tobias Heinrich einen sinnvoll-dimensionierten Blick auf die Definition einer Behinderungsart wirft.

    ERICH MEYER (hörend, Lehrer an Sonderschulen i.R. -Schwerpunkt Sehschädigung –

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