Logik der Gehörlosen

Die Logik der Gehörlosen weicht von der Logik der Hörenden ab:

Im Gespräch mit meinem Gegenüber höre ich auf zu reden, wenn mein Gegenüber sein Gesicht von mir abwendet. Ich rede erst weiter, wenn ich wieder Blickkontakt mit ihm habe. Wenn mein Gegenüber während dem Gespräch im Zimmer herumspaziert, höre ich auch auf zu reden.

Es ist für mich unhöflich, während dem Gespräch meinen Blick abzuwenden. Ich rede nur, wenn ich Blickkontakt zu anderen habe. Sobald der Blickkontakt weg ist, bin ich still.

Wenn ich meine Augen geschlossen habe, bin ich still.
Mit geschlossenen Augen kann ich nicht reden.
Mit geschlossenen Augen kann ich nicht von den Lippen ablesen.

Der Augenkontakt ist sehr wichtig und entscheidend für mich.

In einer ruhigen Umgebung rede ich laut mit anderen. Ist die Umgebung sehr laut, spreche ich immer zu leise. Meine gehörlose Denkweise ist hier: Die Umgebung ist laut genug, warum soll ich sie noch lauter machen? Es ist ein „natürlicher“ Reflex bei den Gehörlosen.

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Gehörlosbloggerin Judith Harter

Hier schreibt die Bloggerin Judith Harter, gehörlos und Cochlea-Implantat-Trägerin, rund um Hörschädigung / Hörbehinderung. Sie zeigt die Perspektive vonseiten der Hörgeschädigten und auch von Hörenden auf. Haben Sie Fragen oder interessante Themen, schreiben Sie ihr eine E-Mail über Kontakt.

1 comment… add one
  • Huber Sebastian Nov 15, 2007, 2:44 pm

    Hallo!

    Deine Bemerkungen zur Höflichkeit in der Kommunikation der Gehörlosen finde ich sehr hilfreich. Obwohl ich nun im 4. Semester Gebärdensprachkurs bin, bin ich mir darüber nicht wirklich klar gewesen – als Hörender denkt man sich nicht viel, wenn man sich abwendet – oder man will jemanden nicht zulange anstarren und einen Kampf enstehen lassen, so nach dem Motto „Schißhasespiel“ (wer wendet zuerst die Augen ab?).

    Auch die Spannungen innerhalb der SW/GL/CI-Gruppen rücken jetzt erst nach und nach ins Blickfeld.
    Hierzu empfinde ich Deine Kommentare als wohltuend.

    Ich finde es auch schade, daß Gebärdensprache nur als Kommunikationsmittel begriffen wird.
    Für mich ist sie eindeutig eine Kunstform, und als solche würde ich sie auch bewerben, d.h. ich würde ganz offensiv Hörende zu Schnupperkursen oder Festivals einladen, auch wenn kein Verwandter oder Freund gehörlos ist – hier müssen GHs einfach mehr Selbstbewußtsein entwickeln! Mit der Gebärdensprache halten sie einen großen Schatz in den Händen, einen ganz besonderen Zugang zum Menschsein, im Weitesten gedacht vielleicht sogar eine Art Therapie. Man lernt einfach viel über und für sich selber oder das Gegenüber/den Partner!

    Im Gegensatz zu anderen Websites, die manchmal sehr hermetisch wirken und interessierten Hörenden den Zugang ein bißchen erschweren finde ich ich Deinen Blog wohltuend offen und bitte daher um Verständnis für diese spontanen Tiraden.
    Ich werde bald wieder reinschauen und mehr lesen.

    Alles Gute
    S.

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