Interview mit Contergan-Gehörlose Ulrike Dilg-Krieg (2)

J. Göller: Wie lief es für dich nach der Hauswirtschaftslehre weiter?

U. Dilg-Krieg:

An meinem Geburtstag im Jahr 1981 bekam ich eine gute Vollzeit-Stellung als Hausgehilfin in der Kurklinik (zu LVA gehörig) für Kinder und Jugendliche in Bruchweiler bei Idar-Oberstein. Dort arbeitete ich bis zu meiner Heirat im Jahr 1994. Dann kam ich nach Speyer. In Speyer erhielt ich bei der LVA nur eine Halbtags-Stellung. Im Februar 2005 feierte ich meinen 25-jähriges Dienstjubliäum und bin weiterhin in unkündbarer Stellung.

J. Göller: Als der Film „Contergan“ erschien, wie war es für dich?

U. Dilg-Krieg:

Der Film „Contergan“ hat mich sehr bewegt. Es wirkte auf mich auch befreiend, weil ich nun endlich wusste, was bei der Firma Grünenthal in Aachen so passierte. Unsere Eltern hatten ja viel durchmachen müssen. Es tut mir leid für unsere Eltern.

J. Göller: Es gab einige Film-Sendungen über Contergan. Da warst du auch dabei. In welcher Sendung genau?

U. Dilg-Krieg:

Ja, ich bin im Film „Contergan, die zweite Chance“ dabei. Dort sieht man mich in Leibesgröße innerhalb einer Gruppe gebärdend.

J. Göller: Ich finde es ganz toll, dass du nicht zurückgezogen lebst, sondern sehr gerne unter Menschen bist. Dazu aktiv und froh, mit viel Humor. Der Film „Contergan“ geht so unter die Haut, sehr traurig. Weißt du, wieviele Contergan-Hörgeschädigte es gibt?

U. Dilg-Krieg:

In der Contergan-Statistik steht, dass unter allen Contergan-Geschädigten ca. 5 % hörgeschädigt sind.

J. Göller: Ich verstehe nicht, warum der Film „Contergan: Die Eltern“ auf Video ohne Untertitel ist, wenn es 5 % Contergan-Hörgeschädigte gibt?

U. Dilg-Krieg:

Ja, ich verstehe es auch nicht. Da wurde leider nicht an uns gedacht, was gar nicht schön ist. Denn dadurch wurden wir Contergan-Gehörlose noch mehr benachteiligt.

J. Göller: Ich habe in den Unterlagen durchgesehen und mich im Internet informiert, dass die Contergan-Tabletten Ende des Jahres 1961 aus dem Handel gezogen wurden. Also kann dieses Schauspielmädchen Denise Marko ohne Arme und nur mit einem Bein im Film „Contergan – Eine einzige Tablette“ selbst kein Contergan-Geschädigte sein, weil sie erst 14 Jahre alt ist?

U. Dilg-Krieg:

Ja, das ist richtig, diese Jungschauspielerin ist kein Opfer von Contergan. Durch ein Gendefekt ist sie so geboren worden. Für mich war es ein bewegender Moment, dass der Film „Contergan“ mit der Hauptdarstellerin Denise Marko bei der Ehrung als bester Fernsehfilm geehrt wurde. Ich bin froh darüber, dass der Fernsehsender ARD/WDR sich durchsetzte und stolz und mutig den Film zeigte.
Ich will auch noch sagen, dass der Contergan-Wirkstoff heute immer noch eingesetzt wird, aber gegen Lepra und Krebs (und mit besonderer Warnung an Frauen)! Mehr Informationen gibt es auf der Website www.contergan.de nachzulesen!

J. Göller: Hast du noch eine besondere Bitte oder einen Wunsch?

U. Dilg-Krieg:

Ja! Ich möchte gerne wissen, ob es Contergan-Treffs oder Contergan-Vereine für Gehörlose gibt? Ich sehe immer Contergan-Hörende, aber nur sehr wenige Contergan-Gehörlose. Beim Landesverband NRW in Köln besorgt der Vorsitzender Udo Herterich (selbst contergan-geschädigt und hörbehindert) immer Gebärdensprachdolmetscherinnen. Ich heiße die Contergan-Gehörlosen beim Landesverband NRW in Köln herzlich willkommen!

Noch ein wichtiger Link: www.contergan-treff.de – dieses wird organisiert von Frank Ingendahl, selbst contergan-geschädigt und hörend.

J. Göller: Liebe Ulrike Dilg-Krieg, ich danke dir sehr für dieses Interview und deine Genehmigung für die Veröffentlichung deiner Fotos. Danke für deinen Mut, dich für die Öffentlichkeit zu entscheiden. Damit sprichst du für alle Contergan-Hörgeschädigte!

Meet the Author

Gehörlosbloggerin Judith Harter

Hier schreibt die Bloggerin Judith Harter, gehörlos und Cochlea-Implantat-Trägerin, rund um Hörschädigung / Hörbehinderung. Sie zeigt die Perspektive vonseiten der Hörgeschädigten und auch von Hörenden auf. Haben Sie Fragen oder interessante Themen, schreiben Sie ihr eine E-Mail über Kontakt.