Gehörlose können nicht sprechen

Gehörlose können nicht sprechen

Diesen Satz muss ich mir ab und zu mal von den Hörenden gefallen lassen – und wisst Ihr was: Die Hörenden haben mit ihrer eigenen Wahrnehmungsweise damit sogar Recht.

Wenn sie mit ihren Ohren eine Stimme hören, die für sie sich eher nach einem Kauderwelsch anhören, und sie kein zusammenhängendes Wort heraus verstehen können, dann sagen sie:

Der Gehörlose kann nicht sprechen.

Gut, soweit alles klar.

Jedoch: Wir Gehörlose, die sprechen können, haben genauso gut recht, wenn wir sagen: Ich bin ein Gehörloser und kann sprechen.

(Bild: Die gehörlose Bloggerin Judith Göller beim Sprechen -dem Film „Radio untertitelt nicht“ entnommen)

Es liegt an der Unwissenheit und Ungewohntheit der Hörenden, wenn sie uns Gehörlose sprechen hören, uns nicht auf Anhieb verstehen und uns dann als „Gehörlose können nicht sprechen“ abstempeln!

Wir Gehörlose können unsere eigene Stimme nicht gut kontrollieren und wissen manchmal nicht, wie welches Wort richtig ausgesprochen wird, weil uns eben diese feine sprachliche Informationen durch das Hören fehlen.

Unsere gehörlose Stimmen sind zu 95 % monoton klingend, da fehlt die Sprachmelodie oftmals und immer mal wieder eine falsche Aussprache bestimmter Wörter. Auch unsere Schwäche beim Sprechen einzelner Buchstaben/Konsonanten spielt eine große Rolle, weil wir sie nicht von den Lippen sehen können: S, H, Z, C, CH, V, W, F, P, B und das L / N.

Unterm Strich sage ich Euch allen:

Die Hörenden haben aus unserer Sicht nicht recht mit ihrer Aussage: Gehörlose können nicht sprechen. Diese Hörende sind nämlich unwissend, und sobald jemand abseits der gewohnten Sprachnorm spricht, schalten sie sich innerlich ab und suchen einen anderen bequemeren Ausweg (sie wenden sich an den Begleiter/Freund/Verwandten des Gehörlosen) – oder hören weg, weil ihnen die Stimme unschön klingt. Auch jagen ihnen diese gehörlose Stimmen sogar Angst ein. TROTZ ALLEDEM:

Natürlich können Gehörlose sprechen!

Ich arbeite in meinem Beruf im Unternehmen mit über 200 Mitarbeitern. Da gibt es diese oder jene Kollegen, die buchstäblich Angst davor haben, mit mir ins Gespräch zu kommen (hmmm, habe ich denn als Gehörlose soviel Macht, ihnen Angst einzujagen? Nur eine kleine, zierliche Frau wie ich weiß mit ihrer Stimme den Leuten Angst einzujagen? *grins*). Scherz beiseite – ich ärgere mich immer mal wieder über diese Leutchen, denn ich sehe ihnen so bildlich an, dass sie, sobald sie mich sprechen hören, innerlich sofort abschalten und ausweichen – diese sind total verunsichert und nicht offen für Fremdartiges in ihrem Leben. Da „höre“ ich sogar den „Schalter in deren Köpfen stark klicken“!

Und in den Medien wird dieser Satz auch immer mal wieder gesagt, wie ich das kürzlich am Beispiel an Julia Probst gesehen habe (über ihren Twitter-Erfolg beim Nachtmagazin im ARD). Das ist eine TYPISCHE Haltung der Hörenden, die die Stimmen der Gehörlosen nicht gewöhnt sind.

Sie ist nicht die Einzige damit. Erinnert sich so mancher von euch an einen Filmbeitrag über Natalie Girth, die gehörlose erfolgreiche Architektin, die sich implantieren ließ? Ihre Stimme wurde hier komplett synchronisiert, damit im Fernsehen alles perfekt klingt – und das hinterließ so eine Art Klischee. Gleichzeitig verhinderte man bei Hörenden die Erfahrung mit gehörlosen Stimmen.

Das fand ich absolut gar nicht fair gegenüber ihr und uns sprechenden Gehörlosen.

Bei den Hörenden gibt es ja auch selbst Menschen, die gar nicht sprechen können – die Nuschelnden – da behaupte ich als Gehörlose genauso gut: Dieser Hörender kann nicht sprechen. Und davon kenne ich echt eine Menge – Hörende Menschen, die nuscheln, können nicht sprechen.

Oder noch besser: Hörende, die ihren Mund beim Sprechen kaum aufmachen können, können auch nicht sprechen aus der Sicht der Gehörlosen. Damit haben wir Gehörlose mit unserer Wahrnehmungsweise genauso recht wie Hörende, die meinen, dass Gehörlose nicht sprechen können.

Ihr Hörende könnt euch gar nicht vorstellen, wie viele Sprechübungen wir Gehörlose machen müssen, um unsere Stimme versteh-tauglich zu formen! Immer und immer wieder! Ohne eigene optimale „Hör-Kontrolle“! Tagtäglich. Wir bekommen nichts geschenkt, sondern müssen uns das alles antrainieren.

Wenn die Gesellschaft gar nicht die Möglichkeit hat, sich selbst die gehörlosen (typischen – sprich, monoton und oft nicht vorhandener Sprachmelodie) Stimmen anzuhören – wie kann man da die Barrieren abbauen?

Hört gut in die Menschen hinein, hört mit offener Seele zu und akzeptiert die Andersartigkeit der Menschen!

Da wir Gehörlose verstanden werden wollen, bitten wir auch, uns zu korrigieren, wenn wir ein Wort falsch aussprechen oder betonen. Wir unsererseits zeigen den Hörenden auf, dass sie ein besseres Mundbild machen und mit unserer Hilfe die Welt mit den Augen betrachten. (danke @jen für die Aufmerksamkeit!)

 

Meet the Author

Gehörlosbloggerin Judith Harter

Hier schreibt die Bloggerin Judith Harter, gehörlos und Cochlea-Implantat-Trägerin, rund um Hörschädigung / Hörbehinderung. Sie zeigt die Perspektive vonseiten der Hörgeschädigten und auch von Hörenden auf. Haben Sie Fragen oder interessante Themen, schreiben Sie ihr eine E-Mail über Kontakt.