Dunkelheit – Feind der Gehörlosen

Bei Dämmerung schwindet die Möglichkeit für Gehörlose, gut vom Mund abzulesen. Bei Dunkelheit erst recht gar nicht mehr!

Abends in einem Restaurant mit starkem Dämmerlicht – um für Romantik zu sorgen – erzeugt für Gehörlose in der hörenden Gesellschaft nur Frust. Höchste Konzentration ist für den Gehörlosen angesagt, um gerade noch gut genug von den Lippen abzulesen. Diese Konzentration lässt keine schöne Stimmung aufkommen, eher Frust.

Die Kerzenlichter werfen im Gesicht viel Schatten, ein zusätzliches Erschwernis für Gehörlose.

Selbst das Licht einer Taschenlampe – auf die Lippen gerichtet – ermöglicht keine gute Beleuchtung zum Lippenlesen. Zu viele Schatten im Gesicht, die sehr vom Lippenlesen ablenken.

In der Dunkelheit sind die Gehörlosen im wahrsten Sinn des Wortes still. Wie sollten sie sich ja verständigen in der Dunkelheit? Da sind sie blind, taub und stumm.

Als Kind bin ich mit meinen Cousinen in Südtirol in einen Bunker in einem Berg reingestiegen – meine Cousinen waren mit Taschenlampen versorgt. Wir erkundeten den Bunker – es war unheimlich, nicht nur für mich, auch für meine Cousins.

Plötzlich rannten meine Cousinen weg und mit ihnen auch die Taschenlampen. Ich hörte nicht, wie sie sich zuriefen, dass sie wieder rauf- und rauskommen wollen aus dem Bunker. So reagierte ich zu spät. Ich stand in der Dunkelheit, riss die Augen „meterweit“ auf, sah aber keinen einzigen Funken Licht. Es war richtig pechschwarz im Bunker drin.

Ich schrie vor Angst, ich konnte mich vor Angst und Panik überhaupt nicht mehr bewegen. Dann ließ ich mich vorsichtig auf den Boden fallen. Auf dem Boden waren Glasscherben und leere Bierdosen. Es stank sehr, nach Urin und etwas undefinierbares. Ich tastete mich vorsichtig voran auf allen vieren, mein Herz klopfte vor Wahnsinns-Angst fast aus meinem Brustkorb heraus.

Als ich an eine Wand stieß, und mich vorantastete, in der Hoffnung, irgendwo den Ausgang zu finden, sah ich Lichter von den Taschenlampen schwenken – meine Cousinen hatten mich gottlob vermisst und suchten mich in dem pechschwarzen Bunker. Als sie mich entdeckten, war ich so froh, heilfroh. Wieder ans Licht gekommen, fragte mich einer der Cousinen, wieso ich nicht ihren Rufen gefolgt sei… Da zitterte ich vor Wut: Wie denn, wenn ich taub bin!!??!

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Gehörlosbloggerin Judith Harter

Hier schreibt die Bloggerin Judith Harter, gehörlos und Cochlea-Implantat-Trägerin, rund um Hörschädigung / Hörbehinderung. Sie zeigt die Perspektive vonseiten der Hörgeschädigten und auch von Hörenden auf. Haben Sie Fragen oder interessante Themen, schreiben Sie ihr eine E-Mail über Kontakt.

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