Das Verständnis der Gehörlosen (Poesie)

Unser Verständnis, unser Weltbild, dass unsere Hörbehinderung unsichtbar ist, war fremd für die Leute.

Die Hörenden wussten soviel, sie brauchten nichts von uns zu lernen.

Und das erlaubte ihnen, uns Hörgeschädigte für unwissend zu halten.

Die Gebärdensprache wurde verboten.

Das war Absicht:

Sie sagten sich, wir müssen diese Hörbehinderte zu Hörenden machen.

Vielleicht wollten sie damit auf ihre Weise sagen:

„Unsere Lebensweise ist gut, und ihr sollt sie auch haben.“

Aber:

Es war keine Liebe, was diese Dinge bewirkte.

Es ist einfach so:

„Nimmt man einem die geistige Freiheit weg, versiegt die Quelle, von der die Seele gespeist wird!“

© Judith Göller

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Gehörlosbloggerin Judith Harter

Hier schreibt die Bloggerin Judith Harter, gehörlos und Cochlea-Implantat-Trägerin, rund um Hörschädigung / Hörbehinderung. Sie zeigt die Perspektive vonseiten der Hörgeschädigten und auch von Hörenden auf. Haben Sie Fragen oder interessante Themen, schreiben Sie ihr eine E-Mail über Kontakt.

1 comment… add one
  • ERICH MEYER Jan 16, 2011, 6:46 pm

    Der von JUDITH GÖLLER geschrieben Beitrag, der in der Tat den Klang des Poetischen in sich trägt, reflektiert mitee klaren Worten die Situation von Menschen, die eine zwar wirkliche reduzierte Sinneswahrnehmung haben, aber dennoch in der Wahrnehmung von Dingen und Menschen – Personen sind mit einem Fühlen sind
    wie jedweder Mensch.
    Und das Sich-nach-Außen-Kehren geschieht über die Ganzheit des Menschen – schließlich über das Gefühl, die Seele und das Herz.
    Und darum zu wissen, danach zu handeln, ist Liebe.
    Und nimmt man einem Menschen die-geistig-seelische Freiheit weg, dann versiegt in der Tat die Seele, so, wie es Judith Göller sagt.

    Stigmatisierung von Menschen, so auch bei Menschen mit Hörbehinderung, geschieht gerade deshalb, weil Menschen von z.B. Hörbehinderten oder auch blinden Menschen zu wenig wissen.

    Abschließend:
    Es geht immer darum – und dann kommt man der Integration (heute: Inklusion) ein Stück näher – das Wissen der anderen, der Noch-Unwissenden, um jene Erfahrungen, zu erweitern, die diese bislang noch nicht hatten.
    So lernen Kinder in der Schule, so lernen auch Erwachsene
    und so lernen Behinderte von Nichtbehinderten und Nichtbehinderte von Behinderten.
    Erst dann können Aussagen über Nichtbehinderte seitens der Behinderten und Aussagen der Nichtbehinderten über Behinderte realistisch und objektiv sein.
    Und dann mag manch Traurigkeit oder auch Ärger weniger sein.

    ERICH MEYER (hörend)

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