Bequem oder einfach nur unsicher?

Einer meiner Söhne wurde mitten in der Nacht sehr krank. So musste ich mit meinem Kind zum Notarzt fahren, um Hilfe zu bekommen. Ich bat meine Mutter, mich dabei zu begleiten, weil ich Auto fahren musste zur Notfall-Zentrale und sie meinen Sohn Trost zusprechen solle wegen seinen Schmerzen.

In der Notfall-Zentrale wurden wir schnell angenommen. Dann diagnosierte der Notarzt und sprach darüber mit meiner hörenden Mutter.

Meine Mutter sagte zu ihm: „Ich bin nicht die Mutter! Bitte sprechen Sie selbst mit der Mutter des Kindes“.

Der Notarzt hat es sich nämlich bequem gemacht, und lieber mit meiner Mutter sprechen wollen statt mit mir selbst.

Meine Mutter ging daraufhin aus dem Behandlungszimmer hinaus.

So fühlte sich der Notarzt gezwungen, mit mir selbst reden zu müssen über die Diagnose meines kranken Sohnes.

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Das passiert leider sehr oft:

Wenn ein Hörender bei einem Gehörlosen dabei ist, sind andere Hörende eher dazu geneigt, mit dem hörenden Begleiter zu reden als mit dem Gehörlosen selbst.

Warum?

Wie fühlen sich die Hörenden dabei, die eher den hörenden Begleiter des Gehörlosen ansprechen?

Sind sie vielleicht aber auch zu schüchtern und scheu, selbst mit dem Gehörlosen zu sprechen?

Oder geschieht dies, weil die Hörenden gar nichts über die Gehörlosigkeit wissen und daher aus Unsicherheit lieber mit dem hörenden Begleiter sprechen wollen?

Oder schämen sie sich, Hände und Mimik mit ins Gespräch einzubinden?

Oder….?

Oder….?

Mich interessieren die Antworten darauf sehr.

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Gehörlosbloggerin Judith Harter

Hier schreibt die Bloggerin Judith Harter, gehörlos und Cochlea-Implantat-Trägerin, rund um Hörschädigung / Hörbehinderung. Sie zeigt die Perspektive vonseiten der Hörgeschädigten und auch von Hörenden auf. Haben Sie Fragen oder interessante Themen, schreiben Sie ihr eine E-Mail über Kontakt.