1. Umfrage zum Vorurteil – Begriff „Taubstumm“

Seit der gehörlose Breakdancer Tobias Krämer beim RTL – Das Supertalent 2010 seine Tanzshow zeigte, kursiert in der Internetpresse immer wieder der Titel: „Taubstummer Tänzer“.

Dazu habe ich eine kleine Umfrage gestartet:

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24 Antworten auf „1. Umfrage zum Vorurteil – Begriff „Taubstumm““

  1. Gleich vorweg: ich bin selbst Gehörlos, jedoch nicht seit der Geburt, oder dem frühesten Kindesalter, sondern durch Krankheit erst mit dem Beginn der Berufstätigkeit geworden.

    Die Diskussion um das Wort „Taubstumm“ wird ja nun scheinbar schon seit Ewigkeiten geführt. Ich finde das Wort selbst nicht wirklich schön, jedoch finde ich die Begründungen, die vornehmlich aus der Gehörlosenszene kommen genauso wenig passend.

    Da ich selbst einmal gehört habe, glaube ich mich recht gut in beide Lager versetzen zu können und das Wort wird ja nun schon seit Jahzehnten verwendet bzw. von Generation zu Generation weitergegeben. Für einen Hörenden ist die Sache klar: Wenn jemand nicht (mit dem Mund) sprechen kann und dabei nichts hört, ist er eben taub + stumm.
    Da ändert auch die Gebärdensprache, oder einzelne gesprochene Silben nichts dran.

    Ich empfinde das Ganze inzwischen auch mehr als Erbsenzählerei. Mal mit mir verglichen: was bin ich? Taub oder Gehörlos? Genau genommen wohl beides, auch wenn manch einem wohl schon das Wort „Taub“ nicht gefallen mag. Wer Gebärdensprache kann wie ne 1, aber dennoch nicht sprechen ist eben stumm (man könnte auch Sprachlos sagen, aber das dürfte einige Mißverständnisse hervorrufen)

  2. @Typeerati

    Ich selbst bin von Geburt an gehörlos, kann mich aber auch in die Lage der Hörenden versetzen. Eigentlich ist es von der Seite der Hörenden aus logisch, wenn sie einen GL nur gebärden sehen und seine Stimme nicht hören – und ihn deshalb „taubstumm“ nennen – so finde ich, dass es zu Recht aus der Sicht der Hörenden ist.

    Wenn die GL sich gegen das Wort „taubstumm“ wehren wollen, so müssen sie zu den Hörenden sagen: Hört her, ich kann auch mit Stimme sprechen!

  3. @jgoeller

    Genau so ist es. Was man logischerweise aber auch nicht verlangen könnte. Vielmehr scheint es mir so, wie mit vielen Dingen im Leben. Mal irgend eine Zahl genommen: 3 von 10 Gehörlosen können sich auch oral mit anderen Unterhalten, verstehen alles und können sich gut verständlich machen. Bleiben aber immernoch 7 die es nicht können. Eben die Mehrheit, also gilt „taubstumm“ für alle. Das sag nicht ich, sondern gibt die Gesellschaft vor. 🙁

    Vorhin viel mir noch ein Beispiel ein… weil es besser klingen soll, hieß es mal man möchte seinen Mitmenschen doch sagen man sei „Hörgeschädigt“ und nicht taub, schwerhörig oder sonst was.

    Wieder für mich gesprochen: Soll ich als Ertaubter auch sagen ich bin „Hörgeschädigt“? Wenn man es wieder ganz genau nimmt suggeriert das Wort „Hörgeschädigt“ mehr sowas wie beeinträchtigt/eingeschränkt. Ich bin aber als Ertaubter nicht eingeschränkt, sondern gleich, ich sag mal: richtig „in den Arsch gekniffen“. Also Gehörlos, Taub oder sonst was.

    In einem Gespräch o.ä. denkt aber ohnehin keiner genau über die Bedeutung der einzelnen Wörter nach. So eben auch bei taubstumm.

  4. So sehr ich den Hintergrund verstehe, so wenig gefällt mir diese Umfrage. Bitte keine pauschalen Vorwürfe, sondern Aufklärung!

    SCHLECHT: „Oder weil die Hörenden nicht viel Ahnung über die Hörgeschädigten haben“

    BESSER: „Weil Stummheit oft fälschlicherweise als Unfähigkeit, sich mittels Lauten zu artikulieren definiert wird. Gebärdende sprechen jedoch visuell und sind daher nicht stumm.“

    Danke!

  5. Taubstumm ist halt einfach ein Begriff aus dem Ende des vorletzten Jahrhunderts und solche Begriffe haften lange in der Volkssprache. Schlicht auch, weil sich der Normalmensch nicht damit beschäftigen muß. Die in Deutschland übliche Ausgrenzung und Aussonderung von Menschen jenseits der pflegeleichten Norm, macht es ihnen zusätzlich leicht.

    Mela (hörend, wenn auch jahrelang als schwerhörig therapiert weil die Dorfdoktoren Autismus halt nicht kennen.)

  6. Selbst hochgebildete Menschen, z.B. Professoren, Ärzte, verharren in der Volkssprache beim Begriff „taubstumm“. Aus dem Grund schreibe ich die Umfrage auch in der Volkssprache.

    Und wenn die Hörenden die Gebärdenden nicht hören, so denken sie automatisch: Taubstumm – weil sie diese eben nicht hören.

    Ich freu mich sehr über die vielen Kommentare hier, denn diese sind auch gleich Aufklärung, die durch die Umfrage angeregt wird.

    @Pertain:
    Mir liegt es fern, Vorwürfe auszusprechen, sondern mehr Verständnis für Hörgeschädigte zu bekommen. Deine Definition ist sehr gut beschrieben, danke dafür!

  7. @jgoeller es bedarf auch noch viel Aufklärung, bis Oralismus aus der „wissenschaftlichen“ Literatur und dann aus den Köpfen verschwindet.

    So lange Ärzte von der CI Lobby „geschult“ werden und Lehrer ohne DGS Kenntnisse an GL-Schulen unterrichten, wird das schwierig. Umso wichtiger ist es, gemeinsam gegen Diskriminierung zu kämpfen und pauschale Aussagen über Personengruppen zu vermeiden (Stichwort Inklusion). Darum auch meine Bitte für eine bessere Formulierung. 🙂

    Mein Vorschlag dazu: es gibt verschiedenste Fortbildungen für Manager wie beispielsweise Präsentationstechniken, Rhetorik, Mitarbeiterführung. Dabei spielen Körpersprache, Ausdruck und nonverbale Kommunikation eine große Rolle. Ich würde mir ein Manager-Seminar wünschen, bei dem das anhand von DGS unterrichtet wird. Dadurch fände Gebärdensprache ein ganz neues Publikum.

  8. Ich finde Taubstumm ein ganz gräßliche Bezeichnung.
    Ich bin hörend gewesen bis ich schwerhörig wurde und2000 bekam ich bds Hörsturz und bin bds zu 100% taub.
    Taubstumm klinkt für mich abwährtend und bezeichne mich lieber als Gehörlos denn das stimmt auch wenn ich meine Stimme nicht mehr hören kann bin ich doch nicht taubstumm oder?

  9. @pertain,
    da stimme ich dir voll zu, Öffentlichkeitsarbeit ist angesagt, immer und immer wieder – nicht aufhörend!

    Das mit dem Manager-Seminar ist gute Idee – wer könnte dafür in Frage kommen zwecks Organisation und Durchführung? Gibt es dafür viel Nachfrage?

    LG – die Gehörlosbloggerin Judith Göller

  10. @Ines,

    du bist noch lange nicht taubstumm, wenn du deine eigene Stimme nicht mehr hörst.

    Ich denke, es ist einfach aus der Sicht der Hörenden: Hören sie bei einem Menschen, der nur gebärdet und KEINE Stimme einsetzt, so stufen sie ihn als taubstumm ein – was eigentlich logisch ist aus deren Sicht.

    Es wissen aber einfach noch zu wenige Hörende, dass die gl Menschen auch sprechen können, wenn auch die Stimme für Hörende oftmals erst mal fremd klingt.

    Daher: Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung und nochmals Aufklärung. Oder?

  11. @jgoeller
    * Nachfrage für Seminare: Bedarf wird geschaffen! Wenn man sich die Seminarkataloge so anschaut, sollte sich das nicht sonderlich schwierig gestalten. Es gab sicher auch keine Nachfrage für kollektives durch-den-Schlamm-robben zwecks Teambuilding. 😀

    Orga und Logistik: Ich hatte jemanden dafür im Auge aber sie sträubt sich leider (noch). Ich überlege mir was und frage mal vorsichtig bei der VHS und beim GIB (giby.de) nach, ob sie das als Bildungsträger unterstützen würden oder zumindest einen Testlauf wagen wollen.

    LG – Ralph, der Blogger ohne Sinnesleistungs-Präfix 😉

  12. Ich hätte daran Interesse, aber dazu bräuchte ich selbst erst mal den Manager-Kurs ;-), um darin zu üben.

  13. Du managst doch auch Deinen Lippenlese-Service? 😉

    Lasse mich bitte ein paar Nächte darüber schlafen und Rat einholen, ok? Unsere Kontaktdaten haben wir ja. 🙂

    Falls das klappt, möchte ich Dich jedoch gerne um einen Gefallen bitten: überlege Dir, ob und wie Du „Hörende“ zu der Liste auf „Wer betreibt dieses Blog?“ hinzufügen möchtest. („Ich bin dafür, dass wir Gehörlose, Deafs, Hörgeschädigte, Ertaubte, Spätertaubte, Schwerhörige, Taubblinde, Cochlea-Implantat-Träger, also wir alle Betroffenen bezüglich der Hörschädigung, zusammenhalten.“)

  14. Das TAUBSTUMM hängt oft mit der Umgangssprache von früher her, das die Taube Leute als taubstumm abstempelt. Das Begriff Hörgeschädigten, Gehörlos, taub oder ähnliches wird erst bekant, wenn ALLE informiert ist, dann wird so Umgangssprache „Angepasst“. So habe ich in meiner Firma mit Erfolg praktiziert.
    Gehörlosenverein oder Gruppen müssen mit viel Werbung investieren, damit ALLE bekannt werden, warum die Gehörlose als taubstumm nicht mag.

  15. @Günter
    das stimmt – die Gehörlosenschule in Frankenthal, die ich früher besuchte, hieß auch zuerst „Taubstummenschule“, bevor sie zur „Schule für Hör- und Sprachbehinderte“ umbenannt wurde, das war schon vor meinem Schuleintritt in den 70er-Jahren.

  16. Ja, ich manage meinen Lippenlese-Service – trotzdem habe ich immer noch eine Menge dazu zu lernen!

    Ich überlege es mir mit deinem Vorschlag bezüglich meines Satzes in meiner Blog-Vorstellung. Ich habe diesen Satz geschrieben, weil es soviel Spaltung/Spannung innerhalb dieser Minderheit gibt. Soviel Konkurrenzdenken, was total überflüssig ist. Daher mein Appell, zusammen zu halten.

  17. “Weil Stummheit oft fälschlicherweise als Unfähigkeit, sich mittels Lauten zu artikulieren definiert wird. Gebärdende sprechen jedoch visuell und sind daher nicht stumm.”

    Hörenden definieren Stummheit als Unfähigkeit, sich mittels Lauten zu artikulieren. Bei ihr ist Gebärdensprache ein nicht geprochenes Kommunikationsmittel. Hörenden, die nicht mündlich reden können, aber gebärden können, nennen sich stumm.

    Gehörlose haben einen anderen Stadtpunkt. Bei ihr ist Gebärdensprache nur eine andere Sprache, deshalb ein gesprochenes Kommunikationsmittel, wie Lautsprache. Also sie definieren Stummheit anders: auch nicht gebärden können. Meistens stimmt das. So nennen sie auch die Hörenden, die gebärden, aber nicht mündlich sprechen können, nicht stumm.

    Hörenden nicht viel Ahnung über die Hörgeschädigten und über ihre Kultur, ihre Meinungen haben. Also sie haben keine Ahnung, dass ihre Definition für Gehörlose nicht passen, und sie sie verändern müssten, damit gebärdende Gehörlose nicht stumm genennt werden.

  18. Das Wort Taubstumm ist ein Unwort auch für Hörende, die nicht mittels Laute artikulieren können.

  19. taubstumm ist bekannteste wort seit 1680 und soll so bleiben um behinderte zu beschützen und mitleid zu bewähren…

  20. @Franz: Bitte mal erklären …

    Warum müssen Behinderte beschützt werden?
    Warum brauchen Behinderte Mitleid?

    Danke 😉

  21. Ihr habt ganz daneben getoffen!

    Ihr sollt die diversen Threads im gl-cafe.de durchlesen, ehe ihr ueber den Begriff von taubstumm aeussert.

    Das Wort „stumm“ im „taubstumm“ ist was eigentlich problematisch ist. Das Wort ist audistisch, getraenkt mit Vorurteil von Sprechen als DAS vorwiegendste Mittel der Kommunikation. Warum muss denn die Sprechfaehigkeit ganz gross geschrieben werden!? Kommunikation ist was wichtig ist, nicht Sprechen. Man kann gleichwertig mit Gebaerdensprache kommunizieren wie mit Lautsprache.

    Wenn wir den aehnlichen Vorurteil ueber die Hoerenden haben, die nicht gebaerden koennen, koennen wir sie genausogut stumm nennen. Aber in der Gebaerdensprache gibt es gluecklicherwweise keine Gebaerde fuer jemanden, der nicht gebaerden kann. Wir sind halt vernuenftig, keine Gebaerde fuer die Unfaehigkeit zu gebaerden zu erfinden, wie „gebaerdenstumm“.

    Der Audismus im Gebrauch des Wortes „Stumm“ ist das Probelm!

    Antiaudistisch benutzen wir „stumm“ nur fuer die Bedeutungen „kommunikationsunfaehig“, „sprachlos“, „verbluefft“, „hat die Sprache wegen Ueberraschung verloren“, nie fuer „unfaehig zu sprechen“. Warum denn muessen wir jemanden als sprechunfaehig markieren!? Das ist ganz unwichtig. So zu sagen ist ja audistisch.

    Hartmut

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